Schmidt, Franz (1874-1939), Komponist

Schmidt, — Franz Komponist. Geb. Preßburg/Pozsony, Oberungarn (Bratislava, Tschechoslowakei), 22. 12. 1874; gest. Wien-Perchtoldsdorf (Perchtoldsdorf, NÖ), 11. 2. 1939. Im gem. Lebensraum von Deutschen, Magyaren und Slowaken geb., hat S. sich zeitlebens dieser Heimat (auch musikal.) verbunden gefühlt. Der Vater Franz, Speditionsunternehmer, war tw., die Mutter Maria ganz ung. Abstammung. Nach erstem Klavierunterricht (v. a. durch die Mutter) wurde er Orgelschüler von Moczik (s. d.), der nach S.s eigener Aussage „auf meine gesamte Entwicklung als Mensch wie als Künstler von tiefstem und nachhaltigstem Einfluß wurde“. S. erhielt Gelegenheit, am Hofe des Erzh. Friedrich (s. d.) und dessen Gattin Isabella (Widmungsträgerin der I. Symphonie) zu spielen, im Herbst 1887 wurde er bei Helene von Bednarics eingeführt, in deren Salon bedeutende Musiker der Zeit verkehrten. Sie brachte ihn als Schüler zu Leschetitzky (s. d.) nach Wien, doch kam es schon nach kurzer Zeit zum Bruch. 1888 mußte S. infolge des finanziellen Zusammenbruchs der Familie nach Wien übersiedeln und wurde Hauslehrer bei der Familie Grienauer in Perchtoldsdorf. Hier fand er in dem Kalksburger Jesuiten P. Wenzel Hanf abermals einen Mentor, der sich seiner Bildung annahm. Ab 1890 stud. S. am Wr. Konservatorium der Ges. der Musikfreunde Violoncello bei Karl Udel und Ferdinand Hellmesberger (s. d.), nach Ablegung der Reifeprüfung 1896 wurde er Cellist des Hofoperntheaters und Mitgl. der Wr. Philharmoniker. Ab 1901 unterrichtete er am Konservatorium Violoncello, 1912 wurde die Professur in eine solche für Klavier umgewandelt. 1900 erhielt S. den Beethoven-Preis der Ges. der Musikfreunde für seine I. Symphonie, die im folgenden Jahr durch den Wr. Konzertver. (heute Wr. Symphoniker) zur Urauff. gelangte. 1900 war S. auch anläßlich des Gastspiels der Wr. Philharmoniker unter Mahler (s. d.) in Paris, was für seine 1904 vollendete Oper „Notre Dame“ von Einfluß war. Mit Mahler und Arnold Rosé (s. d.) kam es im Opernorchester zu heftigen Auseinandersetzungen; das Verhältnis zu dem von S. gleichwohl hochgeschätzten Mahler wurde durch dessen Ablehnung von „Notre Dame“ noch mehr getrübt (das Rosé-Quartett hat allerdings 1930 S.s G-Dur-Streichquartett uraufgef.). 1911 schied S. aus dem Verband der Wr. Philharmoniker, 1914 auch aus dem Hofopernorchester aus. Ebenfalls 1914 wurde seine „Notre Dame“ an der Hofoper uraufgef., was wohl mit ein Grund für die Komposition der zweiten Oper, „Fredigundis“ (1916–21), war, die – 1922 in Berlin uraufgef., 1924 Erstauff. in Wien – allerdings weniger erfolgreich war. S. war seit 1899 mit der Preßburgerin Karoline Perssin (1878–1940) verheiratet, die 1919 in geistige Umnachtung verfiel. Die Ehe wurde 1922 geschieden, 1923 schloß S. eine zweite Ehe mit seiner Schülerin Margarethe Jirasek. In den 20er Jahren erreichte S. den Höhepunkt seiner Laufbahn. Der einarmige Pianist Paul Wittgenstein ließ sich von ihm verschiedene Werke komponieren (sämtliche Klavierwerke S.s bis auf eines sind daher für die linke Hand allein bestimmt). Ab 1920 unterrichtete S. an der Staatsakad. für Musik und darstellende Kunst zusätzlich auch Musiktheorie. 1925 wurde er Dir. dieser Anstalt (1926 HR), 1927 Rektor der Fachhochschule für Musik und darstellende Kunst. Nach deren Auflassung (1931) erhielt S. an der Staatsakad. eine Meisterkl. für Komposition (aus der zahlreiche bedeutende Schüler hervorgingen) und eine Spezialkl. für moderne Klavierliteratur. 1932 starb S.s einzige Tochter Emma bei einer Geburt. S., der ihrem Andenken die IV. Symphonie (komponiert 1932–33, uraufgef. 1934) widmete, hat diesen Schlag offensichtlich nie ganz verwunden. Er begann zunehmend zu kränkeln, befand sich ab 1933 im Krankenurlaub und wurde – 1935 Dr. h. c. der Univ. Wien – schließlich 1937 pensioniert. Trotzdem hat er in seinen letzten Lebensjahren noch große Werke wie das Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ (1935–37, Urauff. 1938) und das Klavierquintett in A-Dur (Urauff. 1939) geschaffen. Die unvollendet gebliebene Kantate „Deutsche Auferstehung“ wird bis heute dazu herangezogen, S. als Nationalsozialisten abzustempeln; abgesehen davon, daß eine Fülle von Indizien aus S.s Leben gegen eine solche These vorliegen, wurde von Reiner Schuhenn gezeigt, daß S., in dieser Zeit geistig stark verfallen, auch polit. Druck zu dieser Komposition ausgesetzt war. S. ist heute vor allem durch das „Buch mit sieben Siegeln“ bekannt, in dem auch seine an Haydns Spätzeit erinnernde Wendung zum Ausdrucksmusiker, die sich in den letzten Lebensjahren vollzog, am deutlichsten hervortritt. Er hat aber vor allem in seinem instrumentalen Schaffen - Orchester-, Kammermusik- und Orgelwerke – mit Konsequenz und stilist. Geschlossenheit einen Weg zurückgelegt, der sich als ebenbürtiger Gegenpol zu jenem der Wr. Schule vollzog, zu deren Tendenzen durchaus auch Parallelitäten bestehen (S. stand im übrigen u. a. zu Alban Berg, s. d., in einem Verhältnis gegenseitiger Achtung und hat an der Akad. Schönbergs „Pierrot lunaire“ aufgef.). Gewisse Kriterien bleiben im ganzen Werk wirksam, die starke Rolle von Variation und Fuge, die Vorliebe für zingarisierende Wendungen und vor allem die (ja auch in der Wr. Schule wirksame) Leitidee der Vereinheitlichung des mehrsätzigen Zyklus, wie sie in der IV. Symphonie ihren Höhepunkt erreicht. S., der Strauss, Pfitzner und Schreker für die bedeutendsten Komponisten unter seinen Zeitgenossen hielt, steht in der Reihe derjenigen, die, ohne den Boden der Tradition endgültig zu verlassen, zu überzeugenden künstler. Gestaltungen zu finden wußten.

W.: s. die Arbeiten von Liess, Nemeth und Tschulik.
L.: H. Haupt, Verzeichnis des Schrifttums über F. S., in: Musikerziehung 8, 1955;Österr. Musikz. 19, 1964, H. 3 (7 Aufsätze); Grove, 1980; MGG; N. Österr. Biogr. 9, 92 ff; R. Wagner, Das musikal. Schaffen von F. S. Eine Stilkritik, phil. Diss. Wien, 1938; A. Liess, F. S., 1951 (mit Bildern); A. Arbeiter, Stud. zum Vokalwerk von F. S., phil. Diss. men, 1955; C. Nemeth, F. S., 1957 (mit Bildern); R. Scholz, Die Orgelwerke von F. S., 1971; N. Tschulik, F. S. ( = Österr. Komponisten des XX. Jh. 18), 1972; Ch. Harten – Th. Antonicek, F. S., Ausst. zum 100. Geburtstag . . . Ges. der Musikfreunde, Wien . . . Wien 1974, 1974 (Kat.); A. Jirasek, Erinnerungen an F. S., hrsg. von M. Jirasek, 1975; P.-G. Langevin, Le siècle de Bruckner, 1975, S. 137 ff.; J. Wildner, Die Symphonien von F. S., phil. Diss. Wien, 1979; H. Truscott, The Music of F. S., Bd. 1, 1984; M. Wurstbauer, Das Klavierkonzert F. S.s . . ., phil. Diss. Wien, 1984; G. Schmiedpeter, Literar. und musikal. Aspekte zur Oper Notre-Dame, Diplomarbeit, Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien, 1985; Th. Leibnitz, Österr. Spätromantiker ( = Publ. des Inst. für österr.Musikdokumentation 11), 1986, S. 69 ff., 146 ff. (Bestand F. S., Musiksmlg., Österr. Nationalbibl.); F. Hagelstange, F. S.s Oratorium, ,Das Buch mit sieben Siegeln“, 1987; R. Schuhenn, Stud. zu Werk und Wirken F. S.s unter bes. Berücksichtigung seines orator. Schaffens, 2 Tle., 1987; Stud. zu F. S. 1–9, 1976–91.
(Th. Antonicek)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 48, 1992), S. 258ff.
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