Schönerer, Mathias von (1807-1881), Eisenbahntechniker

Schönerer Mathias von, Eisenbahntechniker. Geb. Schottenfeld, NÖ (Wien), 9. 1. 1807; gest. Wien, 30. 10. 1881. Sohn eines Maler- und Anstreichermeisters, Vater der beiden Vorigen, Schwiegervater des Malers H. v. Angeli (s. d.). Einer steir. Familie von Kleinbauern und bäuerl. Handwerkern entstammend, stud. er nach Absolv. der Realschule am Polytechn. Inst. in Wien 1822–24 Physik, Höhere Mathematik, prakt. Geometrie und Zeichnen geometr. Pläne, u. a. bei F. A. v. Gerstner (s. d.). 1824 von diesem zu dem damals begonnenen und unter dessen Leitung stehenden Bau der Pferdeeisenbahn Linz–Budweis herangezogen, kam es bald zu fachl. Differenzen und S. dürfte maßgebl. Anteil an der zu Beginn des Jahres 1828 erfolgten offenen Auflehnung sämtl. beschäftigten Ing. gegen Gerstner gehabt haben. Schon im Juni desselben Jahres wurde er – vorerst gem. mit E. Schmidl (s. d.), im Folgemonat allein – mit den Aufgaben der Bauleitung betraut, 1829 zum bauführenden Ing. bestellt und konnte dann seine eigenen techn. Vorstellungen verwirklichen. Er plante die Streckenführung um, erhöhte die Steigung, verringerte die Kurvendurchmesser und nahm noch weitere kosten- wie zeitsparende Veränderungen am ursprüngl. Projekt vor. So vermochte er den noch fehlenden Abschnitt zwar 1832 fertigzustellen, hatte allerdings mit seinen Maßnahmen eine spätere Umstellung auf Lokomotivbetrieb unmögl. gemacht. Anschließend übernahm er den Bau der Verlängerungsstrecke bis Gmunden, die er 1836 vollendete. Im selben Jahr von der Wien-Raaber-Eisenbahnges. mit der Trassierung betraut und techn. Dir. der Ges., trat er 1837 eine einjährige Reise zum Stud. des Eisenbahnwesens nach Westeuropa sowie in die USA an, leitete dann den Bau der Strecke Wien–Gloggnitz, fungierte ab deren Vollendung 1842 bis zur Verstaatlichung 1853 auch als Betriebsdir., bzw. ab 1846 als Baudir., gründete 1840 deren Werkstätte in Wien, in deren Rahmen 1840 die erste Lokomotivfabrik in Österr. entstand. Ferner projektierte und leitete er den Bau der Strecken Mödling–Laxenburg, Wien–Bruck a. d.Leitha, Wr. Neustadt–Ödenburg sowie Bruck a. d. Leitha–Neu Szöny. Während des Krieges 1848/49 organisierte er zudem die erstmals per Bahn durchgeführten Militärtransporte. Schon früh trat er für eine Schienenbahn über den Semmering ein und legte 1839 einen Streckenentwurf vor. Er plante vorerst einen Betrieb mit Pferden, die erst später durch Lokomotiven ersetzt werden sollten. Als 1848 Ghegas Projekt zur Durchführung gelangte, war er bei dieser ersten Gebirgsstrecke der Welt als Bauunternehmer tätig. Auch sonst übte er vielfältigen Einfluß auf das österr. Eisenbahnwesen aus, so gehörte er ab 1856 dem Verwaltungsrat der Kn. Elisabethbahn an, als deren techn. Konsulent er auch wirkte, sowie ab 1867 jenem der K. Franz Josephs-Bahn, deren Mitkonzessionär er seit 1864 war. Daneben betätigte er sich auch als Sachverständiger in Angelegenheiten der Wr. Wasserversorgung, gehörte 1861/62 dem Wr. Gmd.Rat an und legte einen Plan für die Gestaltung der Ringstraße vor, der jedoch seitens des Militärs auf Ablehung stieß. Dank seiner geschickten Finanzgebarung kam er zu ansehnl. Vermögen, erwarb u. a. 1868 Schloß und Gut Rosenau (NÖ) und stiftete testamentar. 100.000 fl für wohltätige Zwecke. Als anerkannter Fachmann erfuhr er vielfach Anerkennung und wurde 1860 nob. S. gelang trotz finanzieller wie techn. Schwierigkeiten die Vollendung der ersten Eisenbahn auf dem europ. Kontinent, er brachte 1839 als Muster für die erste Lokomotivfabrik Österr. die Lokomotive „Philadelphia“ aus den USA, schuf 1841 bei Gumpoldskirchen den ersten Eisenbahntunnel Österr. und prägte die erste Periode des Eisenbahnbaues in der Habsburgermonarchie wesentl. mit.

W.: Wien-Gloggnitzer Eisenbahn: Längsprofile, Brücken, Wasserstation & Maschinenfabrik, lithographiert von F. Weiss, 1843; usw.
L.: Geschichte der Eisenbahnen 1/1, S. 101f. (mit Bild); Meixner, S. 76f., 79; Wurzbach; Beschreibender Kat. des k. k. hist. Mus. der österr. Eisenbahnen, 1902, S. 18ff.; Enz. des Eisenbahnwesens, hrsg. von V. v. Röll, 8, 2. Aufl. 1917; H. Tollich, Ein Beitr. zur Sippengeschichte der Familie S., phil. Diss. Wien, 1941, S. 3ff. (mit Bild); K. Feiler, in: Bll. für Technikgeschichte 8, 1942, S. 47ff. (mit Bild); ders., Die alte Schienenstrasse Budweis–Gmunden, 1952, S. 98ff. (mit Bild); E. und W. Wagesreither, Kleine Chronik von Schloß Rosenau, 2. Aufl. 1972, S. 3f.; G. M. Hahnkamper, Der Wr. Gemeinderat zwischen 1861 und 1864, phil. Diss. Wien, 1973, 2/3, S. 541f.; (K. H. Knauer), Sonderschau 150 Jahre Pferdeeisenbahn Linz–Budweis, Wien (1982), S. 12, 14ff. (Kat.); G. Heiter, in: 150 Jahre Pferdeeisenbahn Linz–Budweis, Linz (1982, Kat.); G. Wacha, ebenda, Linz (1982, Kat.); F. Pfeffer – G. Kleinhanns, Budweis–Linz–Gmunden, (1982), S. 42ff. (mit Bild); F. Haider, Die Geschichte von Schloss Rosenau, 1985, S. 36f.; J. Dultinger, Die „Erzherzog Johann-Bahn“, 1985, S. 24, 32, 54 (mit Bild); H. Sichrovsky, Mein Urahn – Der Bahnbrecher, 1988, S. 50ff.; H. Praschinger, in: Die Eroberung der Landschaft. Semmering. Rax. Schneeberg, hrsg. von W. Kos, Gloggnitz 1992, S. 490f. (Kat.); Die Neue Welt. Österr. und die Erforschung Amerikas, hrsg. von F. Wawrik u. a., Wien 1992, s. Reg., bes. S. 110f., 119, 190 (Kat.); J. Dultinger, Leben und Werk großer Persönlichkeiten der österr. Eisenbahngeschichte, (1993), S. 53ff. (mit Bild); Gäste – Große Welt in Bad Vöslau, hrsg. von O. Rychlik, 1994, S. 325f. (mit Bild); AVA Wien.
(P. Mechtler)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 51, 1995), S. 68f.
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