Schreier, Maximilian (1877-1942), Journalist und Zeitungsherausgeber

Schreier Maximilian, Journalist und Zeitungsherausgeber. Geb. Brünn, Mähren (Brno, Tschechien), 23. 5. 1877; gest. Wien, 15. 6. 1942 (Selbstmord). Sohn eines kaufmänn. Angestellten; mos. Ab 1918 mit der Schauspielerin Ida v. Belitzky (Künstlername Ida Norden) verehel. S. absolv. vier Jahre Gymn., konnte jedoch aus finanziellen Gründen nicht stud. Schon als Jugendlicher schloß er sich in Wien dem Arbeiterbildungsver. Gumpendorf an und begann sich für das polit. Geschehen zu interessieren, woraus erste Kontakte zu späteren Führern der österr. Sozialdemokratie resultierten. Seine journalist. Laufbahn begann er mit gelegentl. Beitrr. für das satir. Wochenbl. „Kikeriki!“ u. a.; 1897 gab er die Z. „Freie Volksbühne“ heraus und war ab 1898 bis ca. 1901 Mitarbeiter an der polit.-kulturellen Z. „Die Wage“, für die auch K. Kraus (s. d.) und Carl Colbert Beitrr. verfaßten. 1901 zunächst Lokalred. der „Oesterreichischen Volks-Zeitung“, wechselte er später ins Parlamentsressort dieses Bl. Daneben engagierte sich S. auch in Standesfragen und trat als Mitgl. des Journalistenver. Concordia (ab 1901), dessen stellv. Präs. und Mitgl. des Ehrengerichts er später war, insbes. für die sozialrechtl. Besserstellung von Journalisten und für die – allerdings erst 1919 erreichte – Aufnahme von Frauen in die Concordia ein. Außerdem bemühte er sich 1917 um die gewerkschaftl. Organisierung der Journalisten, was ihm großes Ansehen in der österr. Journalistik verschaffte. Anderseits war S. bereits 1910 selbst als Ztg.Gründer hervorgetreten: Gem. mit Colbert und mit Unterstützung des früheren Min.Präs. Max W. Frh. v. Beck (s. d.) u. a. rief er das Wr. Montagsbl. „Der Morgen“ ins Leben, das binnen weniger Jahre einen raschen Aufschwung nahm und sich in der Ersten Republik zur größten polit. Montagsztg. Österr. entwickelte. Ende 1917 unternahm S. den Versuch, die zum Verkauf stehende renommierte Tagesztg. „Die Zeit“ zu sanieren; 1919 wurde ihr Titel in „Der Morgen“ geändert, wobei allerdings das gleichnamige Montagbl. parallel dazu bestehen blieb. Die Ztg. sollte der im Frühjahr 1919 gegründeten Demokrat. Partei publizist. Schützenhilfe leisten, die sich, angeführt von Julius Ofner (s. d.), Paul Hock und S., – wenn auch erfolglos – als liberale Partei zu profilieren versuchte. Außerdem beteiligte sich S. 1919 an der satir. Z. „Der Götz von Berlichingen“, die er nach einer längeren Unterbrechung ab 1923 allein hrsg. Im Frühjahr 1922 startete S. gem. mit Gustav Davis einen neuen Versuch zur Gründung einer Tagesztg., „Die Zukunft“, die jedoch bereits im darauffolgenden Jahr wieder eingestellt werden mußte, im November 1922 gründete er gem. mit dem Financier Siegmund Bosel die Ztg. „Der Tag“ (ab Juli 1930 „Der Wiener Tag“), an der einige der hervorragendsten Journalisten und Feuilletonisten Österr., wie Bettauer, Musil, W. Rode (alle s. d.) und Gustav Stolper, mitarbeiteten. Bereits 1925 geriet das Bl. allerdings, bedingt durch den finanziellen Abstieg Bosels, in Schwierigkeiten; die Weiterführung konnte nur durch Beteiligung des dem Prager Außenmin. nahestehenden Pressekonzerns Orbis gesichert werden, was dazu führte, daß die Ztg. in der Folge die Außenpolitik von Eduard Beneš und Masaryk (s. d.) unterstützte. Innenpolit. bekämpfte „Der Tag“ die Regierung Seipel und trat nach den Wahlen 1927 für eine Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie ein. Als vehementer Gegner aller Spielarten des polit. Rechtsextremismus verteidigte S. die demokrat. Verfassung gegen jeden Aushöhlungsversuch durch die Heimwehr, hatte jedoch auch eine gute Gesprächsbasis mit J. Schober (s. d.). 1931 wurde S. auch inoffizieller Hrsg. der „Wiener Allgemeinen Zeitung“, die ebenfalls die Politik der Sozialdemokratie unterstützte, im selben Jahr startete er gem. mit Karl Lang das „10 Groschen-Blatt am Montag“, das bis 1935 existierte. In der Endphase der demokrat. Republik standen S.s Ztg. in schärfstem polit. Gegensatz zur Regierung Dollfuß, sodaß S. nach dem Februar 1934 alle journalist. Funktionen zurücklegen mußte und sich zeitweilig der Drohung strafrechtl. Verfolgung ausgesetzt sah. Erst knapp vor dem „Anschluß“ konnte er seine Tätigkeit beim „Morgen“ wieder aufnehmen. Am 13. 3. 1938 wurde S. verhaftet, später ins KZ Buchenwald überstellt. Im Frühjahr 1940 wurde er in einem polit. Prozeß verurteilt und neuerl. inhaftiert. Die letzten Monate verbrachte er schwer krank im ehemaligen Wr. Rothschild-Spital. Dort entzog er sich im Juni 1942 der bevorstehenden Deportation durch Selbstmord.

L.: Rote Fahne, 20. 3., RP, 10. 12. 1931; Wr. Tag, 8. 12. 1932; Freiheit für Oesterr. – Austrian Democratic Review, 1. 3. 1943; Wr. Ztg. und Neues Österr., 23. 5. 1947; Hall–Renner; Jb. der Wr. Ges.; O. Friedmann, Prominenten-Almanach, 1930 (mit Bild); R. Urban, Demokratenpresse im Lichte Prager Geheimakten, 1943, S. 178ff.; G. Gerstbauer, Die Wr. Montagspresse 1863–1938, phil. Diss. Wien, 1949; H. Habe, Ich stelle mich, 1954; J. Hawlik, Die polit. Parteien Dt.Österr. bei der Wahl zur konstituierenden Nationalversmlg. 1919, phil. Diss. Wien, 1971, S. 573ff.; P. Eppel, „Concordia soll ihr Name sein …“, 1984, s. Reg.; Th. Venus, in: Sommerakad.-News, H. 2, 1992, S. 7f.; E. Walter, Österr. Ztg. an der Jh.Wende, 1994, S. 67; Concordia-Archiv, DÖW, IKG, WStLA, alle Wien.
(Th. Venus)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 52, 1997), S. 201f.
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