Beyer, Theophil (Teófil) (1875–1952), Superintendent

Beyer Theophil (Teófil), Superintendent. Geb. Güns (Kőszeg/Güns/Kiseg, Ungarn), 29. 3. 1875; gest. Oberschützen (Burgenland), 10. 12. 1952; evang. AB. Sohn des Gymnasiallehrers Johann Beyer (geb. Güns, 7. 11. 1819; gest. Güns, 2. 3. 1905) und seiner Frau Rosine Beyer, geb. von Stettner (geb. Güns, 12. 8. 1838; gest. Güns, 12. 3. 1926), Neffe des Pfarrers und Schuldirektors Julius von Stettner (geb. Güns, 20. 11. 1841; gest. Oberschützen, 6. 1. 1916), Vater des Lehrers und NS-Kriegs-Kreisleiters Dr. Theophil Beyer (geb. Güns, 18. 10. 1905; gest. UdSSR, 27. 12. 1946), Ziehvater des Journalisten und NS-Gaupresseamtsleiters im Gau Steiermark Gustav Koczor (geb. Güns, 26. 11. 1909; gest. vermutlich 8. 9. 1948), Schwager von →Maximilian Schönowsky von Schönwies; ab 1902 verheiratet mit Ida Beyer, geb. Schönowsky von Schönwies (geb. Karolinenthal, Böhmen / Praha, Tschechien, 26. 6. 1871; gest. Oberschützen, 15. 2. 1955). – Beyer besuchte das evangelische Gymnasium in Ödenburg, ehe er evangelische Theologie in Pressburg (1893, 1895–97) und Erlangen (1897–98) studierte (1894 Johanna-Teleki-Róth-Stipendium). 1899–1901 wirkte er als Vikar in Pinkafeld, ab 1903 war er Pfarrer im donauschwäbischen Eichendorf (kroatisch Hrastovac). 1904–16 amtierte er als Pfarrer in Güns. Nach dem Tod seines Onkels Julius von Stettner übernahm er 1916 dessen Pfarramt in Oberschützen, wo er bis 1940 als Pfarrer und, mit Unterbrechungen, Lehrer an der evangelischen Lehrerbildungsanstalt wirkte. 1913 wählte man ihn zum Consenior, 1914 zum Senior des Obereisenburger Seniorats, einem von drei lutherischen Senioraten Westungarns. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie und der Gründung des Burgenlands musste sich auch die dortige evangelische Kirche gemäß österreichischem Recht neu organisieren. Die burgenländischen Pfarrgemeinden und ihre Einrichtungen (Schulen etc.) wurden nun in die evangelische Kirche Österreichs eingegliedert. 1923 wurde er Senior des neu errichteten Südlichen Seniorats im Burgenland. Als 1924 die Evangelische Superintendenz A.B. Burgenland gegründet wurde, ernannte man Beyer zum ersten Superintendenten. Finanzielle Sorgen, die Schlechterstellung der evangelischen Kirche in Österreich im Vergleich zu Ungarn, die Diskriminierung der Evangelischen im katholischen „Ständestaat“ und innerkirchliche Konflikte belasteten ihn in den folgenden Jahren sehr. Beyer war deutschnational orientiert und stand in engem Kontakt mit deutschnationalen Organisationen in Deutschland, dem „Mutterland der Reformation“; 1933 trat er schließlich der NSDAP bei. Wegen seiner nationalsozialistischen Einstellung wurde ihm ab 1934 die Erteilung des Religionsunterrichts untersagt. 1938 begrüßte die evangelische Kirche Österreichs, darunter auch Beyer, den „Anschluss“ an NS-Deutschland. Seine Erwartungen wurden jedoch nicht erfüllt – dass die evangelische Kirche ebenfalls diskriminiert und das konfessionelle Schulwesen abgeschafft wurde, war für ihn eine herbe Enttäuschung. Zudem kränkelnd, zog er sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück und legte 1940 sein Amt als Superintendent nieder. Beyers Verdienst lag v. a. darin, dass nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie die drei neuen burgenländischen Seniorate anerkannt und eine eigene burgenländische Superintendentur errichtet wurde. Innerhalb der burgenländischen lutherischen Kirche wurde jedoch kritisiert, er habe die Interessen der burgenländischen Lutheraner nicht nachdrücklich genug vertreten. Der weniger praktisch und „mehr theoretisch und ideologisch veranlagte“ Beyer (Zimmermann, in: „50 Jahre Burgenland“) sah sich jedoch v. a. als Theologe und Seelsorger und weniger als Kirchenpolitiker. In der unsicheren Zwischenkriegszeit bemühte er sich um den Zusammenhalt der evangelischen Gläubigen und führte 1925/26 Visitationsreisen in alle Gemeinden seiner Diözese durch. Dass er dabei sehr bescheiden auftrat und sich jeglichen Prunk verbat, stieß jedoch nicht überall auf Zustimmung. Beyer war insbesondere die Bildung ein Anliegen; er war im Schulwesen engagiert und nahm in der kirchlichen Erwachsenenbildung eine Vorreiterrolle ein. Ferner trug er dazu bei, dass Oberschützen zu einem evangelischen geistigen und Bildungszentrum des Burgenlands wurde. Beyer war ab 1925 Mitglied der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich und ab 1928 des lokalen Ablegers des Gustav-Adolf-Vereins. 1936 erhielt er das Ehrendoktorat der Theologie der Universität Marburg an der Lahn.

W.: Günser evangelische Pfarrer als Unterzeichner der Konkordatsformel an der Wende des 16. Jahrhunderts und später, in: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich 72, 1956.
L.: K. Fiedler, Pfarrer, Lehrer und Förderer der ev. Kirche A. u. H.B. im Burgenlande, 1959, S. 13f.; B. H. Zimmermann, in: 50 Jahre Burgenland, 1971, S. 178ff.; B. H. Zimmermann, in: Glaube und Heimat 25, 1971, S. 74ff.; G. Reingrabner, in: Jahresbericht des Evang. Mus.-päd. Realgymnasiums Oberschützen 1974/75, 1975, S. 3ff.; G. Traar, in: Glaube und Heimat 33, 1979, S. 10, 14, 18; G. Reingrabner, in: Lebendiges Evangelium 1, 1984, S. 5ff.; U. Mindler-Steiner, in: Ecclesia semper reformanda 2, ed. G. Polster, 2018, S. 171ff.; Evangelisches Museum Österreich. Persönlichkeiten (online, Zugriff 21. 6. 2023); Archiv der Evangelischen Superintendentur Eisenstadt, Burgenland; Bundesarchiv Berlin / PK, Beyer Theophil 29.3.1875; UA Erlangen / A3/21 Nr. 77; UA Marburg / 307a Nr 589; Comenius-Universität Bratislava / Szakvizsgálati Anyakönyv (Theol. Akad.) 1893, 1895–1897; Privatarchiv Bodo Beyer, Langenargen, Deutschland.
(Ursula K. Mindler-Steiner)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)