Alewyn, Richard Wolfram (1902–1979), Literaturwissenschaftler

Alewyn Richard Wolfram, Literaturwissenschaftler. Geb. Frankfurt am Main, Deutsches Reich (Deutschland), 24. 2. 1902; gest. Prien am Chiemsee (Deutschland), 14. 8. 1979; evang. AB. Sohn von Georg Alewyn (1871–1935) und Mathilde Spier, geb. Schmitz, geschiedene Alewyn (geb. Homburg vor der Höhe, Hessen-Nassau / Bad Homburg vor der Höhe, Deutschland, 1880; gest. Zwickledt, Oberösterreich, 1945), Neffe u. a. von Hedwig Kubin, geb. Schmitz (1874–1948), der Ehefrau des Grafikers und Schriftstellers Alfred Kubin, und des Schriftstellers Oscar A. H. Schmitz (1873–1931); in 1. Ehe ab 1928 verheiratet mit Nelly Alewyn, geb. Ferch (geb. 1902), Scheidung 1951, und in 2. Ehe ab 1952 mit Marianne Ilse Blanca Alewyn, geb. Schroeter. – Nach dem Abitur am humanistischen Lessing-Gymnasium in Frankfurt am Main studierte Alewyn Germanistik, Philosophie und klassische Philologie an den Universitäten Frankfurt am Main (1920–22), Marburg (1921), München (1922–23, bei Karl Vossler und Heinrich Wölfflin) und Heidelberg (1923–25, bei Ernst Robert Curtius, Friedrich Gundolf, Karl Jaspers, Karl Mannheim, Alfred Weber und Max von Waldberg). 1925 promovierte er bei Waldberg mit summa cum laude mit der Dissertation „Vorbarocker Klassizismus und griechische Tragödie. Analyse der ‚Antigoneʻ-Übersetzung des Martin Opitz“ (1926). 1926–32 an der Universität Berlin, erhielt er ab 1926 ein Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, vermittelt durch Julius Petersen, zur Vorbereitung seiner Habilitationsschrift „Johann Beer. Studien zum Roman des 17. Jahrhunderts“ (1932). Ab 1929 war er Assistent und 1931–32 Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Berlin. Seine Berufung auf den Heidelberger Lehrstuhl nach dem Tod Gundolfs erfolgte zum Wintersemester 1932/33. Sowohl seine Dissertation als auch seine Habilitationsschrift – seine Wiederentdeckung des lange vergessenen Johann Beer, des bedeutendsten barocken Autors neben Grimmelshausen – weisen Alewyn, der im WS 1927/28 am legendären Barockseminar Petersens teilgenommen hatte, schon früh als bedeutenden Barockforscher aus. Mit der Machtergreifung →Adolf Hitlers und den nationalsozialistischen Rassegesetzen nahm Alewyns Universitätskarriere zunächst ein abruptes Ende. Seine Entlassung im August 1933 erfolgte aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wegen jüdischer Abstammung der Großmutter mütterlicherseits, Gabriele Schmitz, geb. Schwarzschild. Nachdem Alewyn 1933–35 noch eine Gastprofessur für Deutsche Literatur (Rockefeller Fellow) am Institut d’Études Germaniques an der Sorbonne in Paris innegehabt hatte, lebte er 1935–38 in Österreich, wo er als Privatgelehrter und erster Nachlass-Bearbeiter des 1929 verstorbenen →Hugo Hofmann von Hofmannsthal in Rodaun bei Wien tätig war. Im Umkreis der Familie Hofmannsthal entstanden dauerhafte Kontakte, die sich im amerikanischen Exil fortsetzten, mit Gerty Hofmannsthal, Christiane Zimmer, Heinrich Schnitzler, Viktor Zuckerkandl und Karl Wolfskehl. Wie bedeutsam für Alewyn die Jahre in Österreich waren, spiegelt sich sowohl in seinen Korrespondenzen als auch in seinen Werken, insbesondere zu Hugo von Hofmannsthal, wie eine Sammlung seiner zwischen 1935 und 1956 erschienenen Essays „Über Hugo von Hofmannsthal“ (1958), der Lexikonartikel im „Columbia Dictionary of Modern European Literature“ (1947) oder „Unendliches Gespräch. Die Briefe Hugo von Hofmannsthals“ (in: Neue Rundschau 65, 1954) zeigen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs flüchtete Alewyn in die Schweiz, von wo aus er seine Ausreise in die USA betrieb, und konnte schließlich im Februar 1939 über England den europäischen Kontinent verlassen. 1939–47 hatte er eine Anstellung als Associate Professor of German am Queens College (New York City). Erstmals bereiste Alewyn 1947/48 wieder Europa im Rahmen eines von seinem College gewährten Sabbaticals. Ein von der Guggenheim Foundation finanzierter Aufenthalt zur Erforschung der Bedeutung der Kunst und des Künstlers zwischen 1750 und 1850 ermöglichte es ihm, unter Nachkriegsbedingungen zu forschen und alte Kontakte wieder aufzunehmen. Im Sommersemester 1948 wurde er zu Gastvorlesungen an die Universität Köln eingeladen (finanziert vom British Military Government), auf die zum Sommersemester 1949 der Ruf auf den vakanten Kölner Lehrstuhl Ernst Bertrams folgte, den Alewyn bis 1955 innehatte. Er war ab 1951 Mitglied des Gründungskommitees und bis 1952 stellvertretender Direktor des Amerika-Instituts an der Universität Köln. 1952 weilte er als Gastprofessor an der Cornell University in Ithaca (New York). 1955–59 lehrte er als ordentlicher Professor für Deutsche Philologie und Direktor des Deutschen Instituts an der Freien Universität Berlin (West), woran sich 1959–67 die Jahre an der Universität Bonn als erster ordentlicher Professor für Neuere Deutsche Literatur und Direktor des Germanistischen Seminars anschlossen. Vor und nach dem Eintritt in den Ruhestand 1967 folgte Alewyn immer wieder Einladungen zu Gastprofessuren in den USA (1957/58 und 1960 Harvard University in Cambridge, Massachusetts; 1963 University of California, Los Angeles; 1967/68 Columbia University, New York City; 1968 University of California, Davis; 1971 Max Kade Distinguished Guest Professor, University of Kansas, Lawrence). Von 1967 bis zu seinem Tod lebte Alewyn in Perchting bei Starnberg. Von bleibender Bedeutung sind seine Publikationen zur Barockforschung und seine zahlreichen literarischen Essays zur Dichtung des 19. Jahrhunderts (Hofmannsthal, Eichendorff, →Franz Grillparzer). Auch leistete Alewyn als einer der wenigen aus der Emigration zurückgekehrten Germanisten einen wichtigen Beitrag zum institutionellen und moralischen Wiederaufbau der deutschen Universität nach 1945. Alewyn war 1939–49 Mitglied bzw. 1966 Ehrenmitglied der Modern Language Association of America (MLA) und 1955–57 Vizepräsident der Internationalen Vereinigung für Germanistische Sprach- und Literaturwissenschaft, weiters ab 1966 Mitglied des Deutschen PEN-Zentrums und gehörte zahlreichen Akademien an: 1952 Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, 1970 Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, 1966 Akademie der Wissenschaften in Göttingen, 1967 Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Der Nachlass Alewyns befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar.

Weitere W. (s. auch Internationales Germanistenlexikon): Die Empfindsamkeit und die Entstehung der modernen Dichtung, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 26, 1932; Grillparzer und die Restauration, in: Publications of the English Goethe Society N.S. XII, 1937; Goethe als Alibi, in: Hamburger Akademische Rundschau 3, 1949; Brentanos „Geschichte vom braven Kasperl und schönen Annerl“, in: Gestaltprobleme der Dichtung. Günther Müller zu seinem 65. Geburtstag am 15. Dezember 1955, 1957; Hugo von Hofmannsthal 1874–1929, in: Die großen Deutschen 4, 1957; Das große Welttheater. Die Epoche der höfischen Feste in Dokument und Deutung, 1959 (gemeinsam mit K. Sälzle); Martin Opitz: Buch von der deutschen Poeterey (1624). Nach der Edition von Wilhelm Braune, 1963; Die teutschen Winter-Nächte und Die kurzweiligen Sommer-Täge (1692), 1963 (2. Aufl. 1985); Deutsche Barockforschung. Dokumentation einer Epoche, 1965 (4. Aufl. 1970); Probleme und Gestalten. Essays, 1974.
L.: Festschrift für Richard Alewyn, ed. H. Singer – B. von Wiese, 1967; In Memoriam Richard Alewyn. Reden, gehalten am 5. Dezember 1979 bei der Gedächtnisfeier der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, ed. H. Rüdiger u. a., 1981; R. Weber, Zur Remigration des Germanisten Richard Alewyn, in: Die Emigration der Wissenschaften nach 1933. Disziplingeschichtliche Studien, ed. H. A. Strauss u. a., 1991, S. 235ff.; H. Fink, Der Nachlass von Richard Alewyn im Deutschen Literaturarchiv, in: Mitteilungen des Marbacher Arbeitskreises für Geschichte der Germanistik 4, 1992, S. 16ff.; Richard Alewyn (1902–1979), zusammengestellt K. Garber – R. Weber, in: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, 4/1, ed. J. M. Spalek u. a., 1994, S. 16ff.; K. Garber, Richard Alewyn (1902–1979), in: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Portraits, ed. Ch. König u. a., 2000, S. 211ff.; R. Weber, Richard Alewyns Projekt einer europäischen Barockforschung, in: Geschichtserfahrung im Spiegel der Literatur. Festschrift für Jürgen Schröder zum 65. Geburtstag, ed. C. Blasberg – F.-J. Deiters, 2000, S. 233ff.; A. Schöne, Richard Alewyn, in: Göttinger Gelehrte. Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen in Bildnissen und Würdigungen 1751–2001, 2, ed. K. Arndt u. a., 2001, S. 654f.; R. Weber, Richard Alewyn, in: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, 3/2, USA, ed. J. M. Spalek u. a., 2001, S. 1ff.; Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, 1, 2003 (mit W.); K. Garber, Zum Bilde Richard Alewyns, 2005; Das Projekt der Empfindsamkeit und der Ursprung der Moderne. Richard Alewyns Sentimentalismusforschungen und ihr epochaler Kontext, ed. K. Garber – U. Széll, 2005.
(Regina Weber)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)