Alker, Ernst (Anton Martin) (1895–1972), Bibliothekar und Literarhistoriker

Alker Ernst (Anton Martin), Bibliothekar und Literarhistoriker. Geb. Wien, 22. 12. 1895; gest. Cademario (Schweiz), 5. 8. 1972 (begraben: Bern, Schweiz); röm.-kath. Sohn des k. Rats und Beamten im Finanzministerium Maximilian Alker (geb. 25. 6. 1857; gest. 7. 4. 1922) und von dessen Frau Marie Alker, geb. Hauser (geb. 15. 8. 1871; gest. 13. 5. 1937); ab 1937 verheiratet mit der Bibliothekarin Maria (Franziska Josefina) Alker, geb. Pawelke (geb. Traben-Trarbach, Deutsches Reich/Deutschland, 16. 2. 1909; gest. 1976), Tochter des Bankprokuristen August Pawelke. – Alker besuchte das Staatsgymnasium in Wien (1914 Matura) und studierte anschließend an der dortigen Universität Germanistik und Kunstgeschichte (Promotion 1918). Seine Dissertation wurde 1923 unter dem Titel „Gottfried Keller und Adalbert Stifter. Eine vergleichende Studie“ veröffentlicht. Weiters legte er die Rechtshistorische Staatsprüfung an der Juristischen Fakultät 1919 in Wien sowie 1924 die Doctoraalexamens in de letteren en wijsbegeerte in den Fächern Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Groningen ab. 1920 verbrachte er erstmals einen mehrmonatigen Aufenthalt in Schweden als Privatbibliothekar des Hofjagdmeisters Graf Gustav C:son Lewenhaupt in der Villa Aske bei Bålsta. Nach seiner Rückkehr war er bis 1922 als Referent für skandinavische Literatur an der Österreichischen Nationalbibliothek tätig, bevor er 1923 für einen Studienaufenthalt nach Schweden zurückkehrte. 1924–27 arbeitete er als Studienrat für Deutsch am Gemeindegymnasium im niederländischen Arnheim. 1929–31 hatte Alker eine Anstellung als wissenschaftlicher Referent an der Städtischen Bücherhalle in Leipzig und legte dort 1931 das Sächsische Bibliothekarsexamen ab. Anschließend war er bis 1934 hauptamtlicher Dozent und Studienleiter der Bibliothekarsschule des Vereins vom Heiligen Karl Borromäus in Bonn. Hinzu kam 1932–35 seine Tätigkeit als Prüfungskommissar bei den Bibliothekarsexamina der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin. 1934 verließ Alker Deutschland und wurde Lektor für Deutsche Sprache an der Universität Lund in Schweden. In gleicher Funktion arbeitete er 1942–46 an der Handelshochschule Stockholm und 1945–46 an der Staatlichen Ausbildungsanstalt des Königlichen schwedischen Zollwesens. 1946 wurde ihm die schwedische Staatsbürgerschaft verliehen, nachdem ihm bereits 1944 die deutsche entzogen worden war. Diese Lektorentätigkeit eröffnete ihm eine akademische Karriere, die er von 1946 bis zu seiner Emeritierung 1969 als zunächst ao. und später o. Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Fribourg verfolgte. Die Forschungsschwerpunkte seiner Arbeit galten der österreichischen und deutschen Literaturgeschichte, im Speziellen →Franz Grillparzer, →Adalbert Stifter, →Johann Nestroy, Büchner, Keller, Hauptmann, →Karl Kraus, darüber hinaus der niederländischen, schwedischen, dänischen und friesischen Literatur. Einen wichtigen Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeiten stellen seine Übersetzungen vornehmlich aus dem Schwedischen und seine über 100 Artikel über schwedische Autor:innen und schwedische Literatur für den „Großen Brockhaus“ 1952–58 dar. Diese literaturvermittelnde Arbeit führte zum Aufsatz „Über den Einfluß von Übersetzungen aus den nordischen Sprachen auf den Sprachstil der deutschen Literatur seit 1890“ (in: Stil- und Formprobleme in der Literatur, ed. Paul Böckmann, 1959). Von Bedeutung ist auch Alkers Editionstätigkeit, u. a. für die Sammlung „Moderne deutsche Novellen“ zusammen mit Gösta Bergman (1936, 2. Auflage 1944) als auch für die Sammlung „Deutsche Gedichte aus fünf Jahrhunderten“, die er wieder mit Bergman besorgte (1941, 4. Auflage 1958). Weiters verfasste Alker literarhistorische Publikationen: Hervorzuheben ist hier die zweibändige „Geschichte der deutschen Literatur von Goethes Tod bis zur Gegenwart“ von 1949/50 (Reprint 2023), die sich auf Vorarbeiten zur Publikation „Modern tysk litteratur“ (ins Schwedische übersetzt von Karl Fägersten, 1948) stützt. Sein literarhistorisches Interesse endete nicht wie in den Bänden dieser Literaturgeschichte mit dem Jahr 1914, aber eine Fortsetzung seiner Arbeiten in der geplanten Literaturgeschichte „Deutschsprachige Literatur seit dem Jahre 1914“ konnte nur posthum als Fragment von Eugen Thurnher 1977 unter dem Titel „Profile und Gestalten der deutschen Literatur nach 1914“ herausgegeben werden. Für die „Neue Deutsche Biographie“ schrieb er u. a. die Beiträge zu →Ludwig Anzengruber, →Hermann Bahr, Georg Büchner und Annette Droste zu Hülshoff. Alker veröffentlichte weiters in vielen internationalen Zeitschriften und war innerhalb der akademischen Community sehr gut vernetzt. So wurde er 1954 Mitglied der Fryske Akademy in Leeuwarden, 1961 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, 1969 korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien und Mitglied verschiedener Fachgesellschaften (Deutsche Schillergesellschaft Marbach; Akademischer Rat der Humboldt-Gesellschaft Heidelberg; Pädagogischer Rat Ausland des Goethe-Instituts München; Akademie der Gesellschaft Schweizerischer Germanisten Bern). 1970 erhielt er das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Weitere W. (s. auch Enzinger; Scherer; Internationales Germanistenlexikon): Philipp Hafner. Ein Altwiener Komödiendichter, 1923; Franz Grillparzer. Ein Kampf um Leben und Kunst, 1930 (Reprint 1968).
L.: Hall–Renner; M. Enzinger, Ernst Alker. Nachruf, in: Almanach Wien 122, 1972, S. 363ff. (mit Bild und W.); Ernte und Aussaat. In memoriam Ernst Alker, ed. E. H. Rakette, 1973 (mit Bild); B. St. Scherer, Ernst Alker, mit einer Einleitung von E. Studer u. a., 1974 (mit W.); E. Thurnher, Ernst Alker. Eine Einführung in sein nachgelassenes Werk, in: Ernst Alker, Profile und Gestalten der deutschen Literatur nach 1914, 1977, S. VIIff.; Hommage für Ernst Alker, ed. E. H. Rakette, 1983; Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, 1, 2003 (mit W.); UA Wien / Personalakte PN 4498.
(Christoph auf der Horst)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)