Allers, Rudolf Andreas Josef; bis 1907 Abeles (1883–1963), Psychiater, Psychologe und Philosoph

Allers Rudolf Andreas Josef, bis 1907 Abeles, Psychiater, Psychologe und Philosoph. Geb. Wien, 13. 1. 1883; gest. Hyattsville, Maryland (USA), 14. 12. 1963; röm.-kath. Sohn von Auguste Abeles, geb. Grailich (gest. Wien, 22. 7. 1916), und dem Internisten und Balneologen Marcus (Markus) Mordechai Abeles (geb. Nedraschitz, Böhmen / Nedražice, Tschechien, 8. 8. 1837; gest. Wien, 31. 12. 1894); ab 1908 verheiratet mit Carola (Lola) Meitner (geb. Wien, 26. 6. 1886; gest. 1952; mos., ab 1908 röm.-kath.), Schwester der Physikerin Lise Meitner. – Nach 1901 abgelegter Gymnasialmatura in Wien studierte Allers ab 1902 an der dortigen Universität; 1906 Dr. med. Zunächst an der 2. Medizinischen Universitätsklinik und an der Wiener Allgemeinen Poliklinik tätig, erhielt er 1907 eine Assistentenstelle im Laboratorium für experimentelle Chemie bei →Eduard Spiegler in Wien und 1908 an der Psychiatrischen Klinik der deutschen Medizinischen Fakultät in Prag bei →Arnold Pick. Ab 1909 Assistent an der Psychiatrischen Universitätsklinik in München bei Emil Kraepelin, habilitierte er sich dort 1913 für Psychiatrie. 1914–18 als Chirurg zur k. u. k. Armee eingezogen, wurde Allers im Sommer 1917 als Mitarbeiter in das Kriegsministerium zwecks Bearbeitung sozialhygienischer Fragen bestellt. Ab 1918 wirkte er als ao., ab 1922 als o. Assistent für medizinische Psychologie und Sinnesphysiologie am Institut für Physiologie der Medizinischen Fakultät der Universität Wien (bis 1938). Bei seinen damaligen sinnesphysiologischen Recherchen war Viktor Frankl sein Mitarbeiter. In dieser Zeit freundete sich Allers auch mit dem späteren Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar an und hatte Kontakt zur Philosophin und Frauenrechtlerin Edith Stein. Ab 1926 fungierte er zudem als Leiter einer Erziehungsberatungsstelle des Caritas-Verbands. 1926 hielt er auf dem 1. Allgemeinen Ärztlichen Psychotherapiekongress einen Vortrag über „Psychotherapie und Psychologie“. Ein Jahr später erfolgte seine Habilitation für Psychiatrie an der Universität Wien. Nach einem Philosophiestudium an der Universität Mailand wurde Allers 1934 dort zum Dr. phil. promoviert. Im Jänner 1938 verbrachte er zusammen mit seiner Familie einen halbjährigen geplanten Studienurlaub in den USA. Währenddessen wurde er im April 1938 an der Wiener Universität aus „rassischen“ Gründen seines Amts enthoben, erhielt aber noch im selben Jahr einen Ruf als Professor für Philosophie und Psychologie an die Catholic University of America in Washington D. C. und war ab 1948 in gleicher Funktion an der dortigen Georgetown University tätig. Allers war zunächst der individualpsychologischen Schule →Alfred Adlers zugewandt, mit dem er sich jedoch 1927 überwarf, da ihn dieser in einer wissenschaftlichen Sitzung nicht verteidigte. Allers lehnte aber auch die Lehren von →Sigmund Freud über die Psychoanalyse ab und favorisierte eine Verbindung zwischen der Wiener Schule der medizinischen Psychologie und Psychiatrie mit der katholischen Anthropologie. Er verfasste rund 700 Abhandlungen, seine 16 Bücher wurden u. a. ins Englische, Französische, Spanische, Italienische und Niederländische übersetzt. Bis 1933 fungierte er zudem als Schriftleiter der „Internationalen Zeitschrift für Physiotherapie“ (später „Zentralblatt für Psychotherapie“). 1925–27 war er Mitglied des Vereins für Individualpsychologie (1926–27 stellvertretender Vorsitzender), ab 1927 Obmann der Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer Ärzte sowie Mitglied des Vereins für Psychiatrie und Neurologie in Wien und Ehrenmitglied der Österreichischen Ärztegesellschaft für Psychotherapie. 1960 erhielt er die Cardinal-Spellman-Aquinas-Medaille.

W.: Über Schädelschüsse. Probleme der Klinik und der Fürsorge, 1916; Über Psychoanalyse. Einleitender Vortrag mit daranschliessender Aussprache im Verein für angewandte Psychopathologie und Psychologie in Wien, 1922; Das Werden der sittlichen Person. Wesen und Erziehung des Charakters, 1929 (4. Aufl. 1935, Nachdruck 1970); Christus und der Arzt, 1931; Sexualpädagogik. Grundlagen und Grundlinien, 1934; Temperament und Charakter. Fragen der Selbsterziehung, 1935; Heilerziehung bei Abwegigkeit des Charakters: Einführung, Grundlagen, Probleme und Methoden, (1936), 2. Aufl. 1952; Self improvement, 1939; Character education in adolescence, 1940; The Successful Error. A Critical Study of Freudian Psychoanalysis, 1940; Psychiatry and the Role of Personal Belief, in: Faith, Reason and Modern Psychiatry. Sources for a Synthesis, ed. F. J. Braceland, 1955; Existentialism and psychiatry. Four Lectures, 1961.
L.: V. E. Frankl, Rudolf Allers als Philosoph und Psychiater, in: Jahrbuch für Psychologie und Psychotherapie 11, 1963, S. 187ff.; J. Merinsky, Die Auswirkungen der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich auf die medizinische Fakultät der Universität Wien im Jahre 1938. Biographien entlassener Professoren und Dozenten, phil. Diss. Wien, 1980, S. 5f.; W. Brezinka, Pädagogik in Österreich. Die Geschichte des Faches an den Universitäten vom 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts 1, 2000, s. Reg.; A. Lévy, Rudolf Allers – ein katholischer Individualpsychologe, in: Gestalten um Alfred Adler – Pioniere der Individualpsychologie, ed. A. Lévy – G. Mackenthun, 2002, S. 27ff.; Booth Family Center for Special Collection, Rudolf Allers collection (Zugriff 11. 7. 2023); K. Kniefacz, Rudolf Allers, geb. Abeles, in: gedenkbuch.univie.ac.at (mit Bild, Zugriff 11. 7. 2023); Rudolf Allers, individualpsychology.wordpress.com/rudolf-allers/ (Zugriff 11. 7. 2023); Wien Geschichte Wiki (Zugriff 11. 7. 2023); Pfarre Unsere Liebe Frau zu den Schotten, Pfarre Votivkirche, beide Wien; UA Wien / MED PA 798 Allers, Rudolf, 1922–1938; UA Wien / Senat S 304.15 Allers, Rudolf geb. Abeles, (13.01.1883–14.12.1963; Psychiatrie); WStLA / Akt 2.5.1.4.K11.Allers Rudolf.13.1.1883 – Rudolf Allers, geb. 13.01.1883 | 19.Jh. – 20. Jh.
(Frank Krogmann)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)