Allesch, Ea von; Edle zu Allfest, geb. Täubele Emma Elisabeth, geschiedene Rudolph, Ps. E. v. A., Eva, Eva Pythia, Pythia, Petronius (1875–1953), Modeschriftstellerin

Allesch (Edle zu Allfest) Ea von, geb. Täubele Emma Elisabeth, geschiedene Rudolph, Ps. E. v. A., Eva, Eva Pythia, Pythia, Petronius, Modeschriftstellerin. Geb. Wien, 11. 5. 1875; gest. Wien, 30. 7. 1953; röm.-kath., später evang. HB, 1916 wieder röm.-kath. Tochter des Drehers Karl Täubele (geb. Wien, 2. 11. 1833) und der Handarbeiterin Aloisia Täubele, geb. Fichtinger (geb. 14. 11. 1838; gest. Wien, 5. 11. 1920); ab 1895 in 1. Ehe mit dem Kaufmann und Buchhändler Carl Theodor Rudolph (geb. Erfurt, Preußen/Deutschland, 29. 10. 1868; gest. Leipzig, Deutschland, 19. 2. 1947), geschieden 1914, und in 2. Ehe ab 1916 mit dem Psychologen Johannes Gustav von Allesch Edler zu Allfest (geb. Graz, Steiermark, 25. 10. 1882; gest. Göttingen, Deutschland, 11. 6. 1967), verheiratet, geschieden 1921, liiert mit →Hermann Broch. – Aus einer Ottakringer Arbeiterfamilie stammend, verdiente Allesch nach dem Schulbesuch zunächst als Näherin, dann im Miederwarengeschäft ihrer Schwester sowie als Aktmodell ihren Lebensunterhalt. Die soziale Absicherung durch die 1895 geschlossene erste Ehe ermöglichte es ihr, herkunftsbedingte Bildungsdefizite aufzuholen. 1899 fand sie Anschluss an die Wiener Künstlerszene im Café Central, wo sich bald ein Kreis von Bewunderern, unter ihnen die Schriftsteller →Peter Altenberg und Alfred Polgar, um sie scharte. Mit Polgar und dem englischen Pianisten James Henry Skene lebte sie eine Zeitlang in gemeinsamem Haushalt zusammen. Während eines mehrjährigen Aufenthalts in Berlin machte sie durch Robert Musil die Bekanntschaft des späteren Psychologen Johannes Gustav von Allesch, mit dem sie nach ihrer Rückkehr nach Wien 1916 eine zweite Ehe schloss. In der Wiener Kaffeehausszene, wo sie sich im Kreis von Kulturschaffenden wie →Egon Friedell, →Anton Kuh, →Adolf Loos, Oskar Kokoschka oder →Stefan Zweig bewegte, lernte sie 1917 Hermann Broch kennen. Mit ihm ging sie in der Folge eine Beziehung ein, die trotz der später von Broch vollzogenen Trennung bis zu dessen Tod im amerikanischen Exil andauerte. Nachdem sie bereits 1915 in Franz Bleis kurzlebiger Monatsschrift „Der Kleiderkasten“ ihre ersten Beiträge zum Thema Mode veröffentlicht hatte, etablierte sich Allesch nach dem Ende des 1. Weltkriegs als Modefeuilletonistin. In ihren Beiträgen, die sie u. a. für die „Moderne Welt“, die „Wiener Mittagspost“, v. a. aber für die „Prager Presse“ schrieb, analysierte sie die Mode und ihre aktuellen Erscheinungen im Kontext zeitgenössischer politischer und soziokultureller Entwicklungen. Phänomene des modernen Alltagslebens wie Sport, Tanz, Reisen oder Automobilismus lieferten den Ausgangspunkt ihrer humorvollen und (selbst-)ironischen Modebetrachtungen, die sie oft in Form von Dialogen, Märchen, Gedichten oder Filmszenen gestaltete. Den Wandel der weiblichen Mode beschrieb sie als Ausdruck der Veränderung der Geschlechterrollen und der vermehrten Partizipation von Frauen am Erwerbsleben und an freizeitkulturellen Aktivitäten. Mit dem Verlust ihrer Stelle bei der „Prager Presse“ 1927 endete Alleschs Karriere als Modeschriftstellerin. Fortan versuchte sie, jedoch ohne beruflichen Erfolg, als Grafologin sowie als Individualpsychologin (sie war Inhaberin des „Laien-Diploms“ in Individualpsychologie) zu reüssieren. Die Persönlichkeit Alleschs, deren schriftstellerisches Werk gegenüber der ihr zugeschriebenen Rolle als Muse berühmter Künstler und Objekt vereinnahmender Bewunderung lange Zeit ungewürdigt blieb, fand Eingang in einige zeitgenössische literarische Produktionen, so etwa in der Gestalt der Alpha in Musils Komödie „Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer“ sowie jener der Hanna Wendling in Brochs „1918. Huguenau oder die Sachlichkeit“ aus der Romantrilogie „Die Schlafwandler“. Auf ihre Anregung verfasste Broch das „Teesdorfer Tagebuch“, eine Chronik von Mitte 1920 bis Anfang 1921 in Form von an die Freundin gerichteten Briefen. Allesch war Mitglied im Verein für Individualpsychologie.

Weitere W. (s. auch Severit): Die Mode und der Sport, in: Prager Presse, 8. 5. 1921; Paradoxa der Mode, in: Prager Presse, 12. 6. 1921; Der Flirt, in: Prager Presse, 19. 6. 1921; In den Bergen, in: Prager Presse, 26. 6. 1921; Der Modeschriftsteller, in: Prager Presse, 7. 5. 1922; Modebericht, in: Prager Presse, 4. 5. 1924; Mode-Berichterstattung, in: Prager Presse, 13. 3. 1927; Die sozialisierte Mode, in: Prager Presse, 1. 5. 1927.
L.: E. Albertsen, Ea oder die Freundin bedeutender Männer, in: Musil-Forum 5, 1979, S. 21ff., 135ff. (mit Bildern); P. M. Lützeler, Nachwort, in: H. Broch, Das Teesdorfer Tagebuch für Ea von Allesch, ed. P. M. Lützeler, unter Mitwirkung von H. F. Broch de Rothermann, 1995, S. 171ff. (mit Bild); F. Severit, Ea von Allesch: Wenn aus Frauen Menschen werden. Eine Biographie, 1999 (mit Bild und W.); H. Kratzer, Die Königin des „Café Central“. Ea von Allesch, in: H. Kratzer, Die unschicklichen Töchter. Frauenporträts der Wiener Moderne, 2003, S. 47ff. (mit Bild); Ch. Gürtler, Die Modeschriftstellerin Ea von Allesch, in: „baustelle kultur“. Diskurslagen in der österreichischen Literatur 1918–1933/38, ed. P. H. Kucher – J. Bertschik, 2011, S. 251ff.; Pfarre St. Stephan, evang. Pfarre Innere Stadt (reformierte Stadtkirche), beide Wien.
(Christine Kanzler)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)