Altmann, Emil (1895–1972), Unternehmer

Altmann Emil, Unternehmer. Geb. Wien, 29. 4. 1895; gest. New York City, New York (USA), 25. 1. 1972; mos. Sohn des Eierhändlers Moricz Altmann und seiner Frau Amalia Altmann, geb. Dukes, Bruder von →Wilma Kühne, Schwager des Kaufmanns Ernst Kühne (geb. Auspitz, Mähren / Hustopeče, Tschechien, 22. 4. 1896; gest. New York City, 16. 6. 1944); ab 1924 verheiratet mit Grete Altmann, geb. Stern (geb. Wien, 28. 10. 1897). – Altmann absolvierte eine Goldschmied-Ausbildung. 1928 gründete er mit seinem Schwager eine OHG am Graben 30 in Wien-Innere Stadt, wo sie einen Handel mit Zuckerwaren betrieben. Altmann & Kühne zählten neben den Firmen Heller, Küfferle und Victor Schmidt bald zu den bekanntesten Chocolatiers in Wien, v. a. durch die Herstellung des Liliput-Konfekts sowie von Sorten wie „Grilliertes Himbeerröllchen“ oder „Angelika Marzipan“ und den „A & K Weichselpralinen“. Das Geschäft wurde von den Architekten →Josef Hoffmann und Oswalt Haerdtl entworfen. Im selben Jahr eröffnete man in unmittelbarer Nähe in der Kärntner Straße 36 Ecke Maysedergasse die zweite Filiale. Die Innenausstattung aus poliertem Kirschbaumholz stammte neuerlich von Hoffmann, die zeltartige Decke gestaltete →Mathilde Flögl, eine Mitarbeiterin der Wiener Werkstätte. Das dritte Geschäft wurde Anfang der 1930er-Jahre im Grand Hotel am Kärntner Ring 11 an der Ecke des heutigen Max-Weiler-Platzes eröffnet. Zwischen 1930 und 1935 arbeiteten als Grafikerinnen vorwiegend Emmy Zweybrück, Kató Lukáts und →Fritzi Löw. Die kunstvollen Kartonagen, für die die Unternehmung bekannt wurde, entwarf Altmann selbst. Zu den sehr aufwendigen Schachteln zählte eine mehrstöckige „Pagode“ zum Stapeln. Altmann kreierte darüber hinaus Briefköpfe, Servietten, Aufkleber, Etiketten, Schachteleinlagen, Pralinenkapseln sowie Banderolen für Pralinen, Schokoladenschleifen und Pralinensäckchen. Von ihm gestaltete Werbekärtchen trugen Aufschriften wie „Drollig wie das Buch vom Struwelpeter sind die Krampus-Packungen von Altmann & Kühne“, „kunstvoll wie die Pagode von Ningpo sind die Chinapackungen von Altmann & Kühne“ oder „Wie für den Gabentisch einer Prinzessin sind die Weihnachts-Packungen von Altmann & Kühne / Ein charmantes Geschenk von kultivierten Menschen für kultivierte Menschen“. Bereits 1933 übergab Altmann Pack- und Briefpapiere an das Österreichische Museum für Kunst und Industrie in Wien. 1937 hatte die Firma 24 Angestellte und machte einen jährlichen Umsatz von rund 500.000 Schilling. Zu den prominentesten Kunden zählten Wallis Simpson und Edward Herzog von Windsor, ins Gästebuch trugen sich u. a. Hans Moser, →Fritz Grünbaum, Paula Wessely und Attila Hörbiger, Lotte Lang, Fritzi Massary und Marta Eggerth ein. Im April 1938 wurde Altmann mit seinem Schwager wegen des Verdachts der Krida verhaftet und blieb bis Ende Mai inhaftiert. Die Zeitungen berichteten von einem Schuldenstand von 250.000 Schilling. Er ergab sich laut diesen aus einem Kredit für die aufwendige Einrichtung der drei Geschäfte. Nachdem der Hauptgläubiger Stephen Siratzky in London von seiner Forderung in der Höhe von RM 186.000 an die Firma zurückgetreten war, wurden die beiden Gesellschafter aus der Haft entlassen. Im Juni 1938 flüchtete die Familie Altmann in die Schweiz, im September weiter nach London und im Februar 1939 von Southampton nach New York. Altmanns Umzugsgut wurde ins Dorotheum zur Versteigerung überstellt, im Oktober verfügte die Geheime Staatspolizei die Beschlagnahme von Altmanns Vermögen. Im Juli 1938 einigte sich Altmann mit Hans Schenk-Weber auf die Übernahme der Waren- und Steuerschulden des Unternehmens sowie das Recht auf Beibehaltung des Firmennamens Altmann & Kühne. Im August 1938 stellte die Vermögensverkehrsstelle fest, dass das Geschäft am Kärntner Ring nicht erhaltungswürdig sei, die Filialen in der Kärntner Straße und am Graben hingegen schon. Für diese wurden im August 1938 kommissarische Leiter eingesetzt. Im Oktober 1938 erhielt Hans Madler, Parteimitglied seit 1930, von der Vermögensverkehrsstelle die Genehmigung zur käuflichen Übernahme der Firma für die Filiale am Graben 30. Im November 1938 einigten sich Schenk-Weber und Madler darauf, dass hinkünftig der Name Altmann & Kühne nur mehr von Schenk-Weber benutzt werden dürfe, Madler bis Ende des Jahres Packungen und Bonbonsorten von Altmann & Kühne in seinen Beständen verkaufen dürfe, aber es ab dann keine Verbindung zwischen den Geschäften mehr geben solle. Im Jänner 1939 erhielt Madler den Gewerbeschein für das Geschäft am Graben 30, das nun seinen Namen trug, und die Löschung der Namen Altmann und Kühne im Handelsregister wurde vorgenommen. In New York eröffnete Altmann eine Confiserie im Gotham Hotel (heute Peninsula Hotel) in der 55. Straße. Der Firmenname lautete „Altman candies“. Im August 1939 gelangten auch Ernst und Wilma Kühne in die USA. In New York firmierte das Familienunternehmen als „Altman & Kuhne“; für Verpackungen wurde das von Zweybrück 1935 entworfene Papier mit österreichischen Motiven verwendet. Im Dezember 1939 annoncierte man die Eröffnung einer Filiale in der Fifth Avenue mit „Sweets, Vienna Style“ in der „New York Post“. Der ebenfalls aus Wien emigrierte Architekt Victor David Grün übernahm die Ausstattung des Geschäftslokals. Es wurde jedoch im Juni 1941 verkauft, der Firmenname blieb bis 1958 erhalten. Altmann wurde artistic director bei Barton’s Candy Corporation, die von den Brüdern Stephen und Martin Klein, Altmanns ehemaligen Lehrlingen, die ebenfalls emigrieren mussten, 1939 gegründet worden war. Im März 1949 bildeten Altmann und Wilma Kühne eine OHG in Wien, in die im August 1951 auch Grete Altmann eintrat. Im August 1950 erhielt Altmann erneut den Gewerbeschein für das Geschäft am Graben 30. Er ging 1963 in den Ruhestand und das Geschäft wurde verpachtet. Es firmierte in der Folge als „Altmann & Kühne, Pächter Ing. Kurt Kral“ und wurde 1969 verkauft.

L.: NS Telegraf, 11. 5. 1938; WZ, 14. 5. 1950; E. Bánszky-Kiss, Die Wiener Confiserie Altmann & Kühne, 1935, in: Alte und Moderne Kunst 30, 1985, H. 201/202, S. 30; G. Spuhler u. a., „Arisierungen“ in Österreich und ihre Bezüge zur Schweiz, 2002, S. 95ff., 174; D. Savel, Die Wiener Confiserie Altmann & Kühne, DA Wien, 2003; S. Festa, Confiserie – Confectionery. Altmann & Kühne. Eine Erfolgsgeschichte aus Wien / A success story from Vienna, 2020; altmann-kuehne.com (mit Bild, Zugriff 30. 1. 2024); IKG, Wien / Auswanderungsfragebögen Emil Altmann und Ernst Kühne; ÖStA Wien / AdR 06 BMfF. VVST VA AHF, H503/a; Mitteilung Sylvia Festa, Wien.
(Irene Nawrocka)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)