Altmann Siegfried, Pädagoge. Geb. Nikolsburg, Mähren (Mikulov, Tschechien), 12. 7. 1887; gest. New York City, New York (USA), 14. 9. 1963; mos. Sohn von Betty Altmann, geb. Ranzenhofer, und dem Kaufmann Heinrich Altmann, Bruder u. a. des Rechtsanwalts Otto Altmann (geb. Nikolsburg, 1892; gest. Wien, 1970), Vater des Biologen Gerhard Altmann (geb. Wien, 11. 11. 1916), der 1938 nach Palästina flüchtete; ab 1913 verheiratet mit Else (Elsie) Altmann, geb. Siebenschein. – Altmann soll Philosophie und Psychologie am Lehrerseminar in Brünn studiert haben. Ein kolportiertes Studium an den Universitäten Prag und Wien ist ebenfalls nicht belegt. Nach einer Jugendbegegnung mit →Theodor Herzl war Altmann, nachdem er in Brünn eine zionistische Mittelschülervereinigung gegründet hatte, bereits aktiver Zionist. Darüber hinaus faszinierten ihn der taubblinde Dichter Hieronymus Lorm (→Heinrich Landesmann) und die Autobiografie der ebenfalls taubblinden amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller. Beide Persönlichkeiten sollten später prägenden Einfluss auf Altmann haben. Ab 1907 wirkte er – unterbrochen durch seinen Militärdienst im 1. Weltkrieg – als Dozent am Israelitischen Blindeninstitut auf der Hohen Warte in Wien, 1922 folgte er dort →Simon Heller als Direktor nach. In diesem Institut führte er neue pädagogische Maßnahmen in den Unterricht ein, förderte Ausbildungen, etwa zum Korbflechter, Masseur oder Bespanner von Tennisschlägern, und erwirkte für die Absolvent:innen einen Zugang zu den Universitäten in den Fachgebieten Jus, Staatswissenschaft und Philosophie. 1924 gründete er das Zentralbüro für offizielle Blindenhilfe, 1925 das Heim für blinde Mädchen Providentia in Wien-Leopoldstadt, 1930 das jüdische Blindeninstitut in Warschau. 1924–34 fungierte er als Konsulent für das städtische Bildungs- und Wohlfahrtswesen Wiens für die Belange von Blinden und lehrte 1926 an dem von Anitta Müller-Cohen gegründeten Jüdischen Zentrum in der Unteren Augartenstraße. Infolge dieser Tätigkeiten besuchte er 1931 die World Conference on Work for the Blind in New York. 1936 gründete er die jüdische Blindenbibliothek Alexander Hecht in Wien-Leopoldstadt. 1939 flüchtete Altmann mit einem Affidavit von Helen Keller nach New York. Zunächst arbeitete er in einer Fabrik und lehrte als Gastprofessor an der katholischen Fordham University. 1943 übernahm er die Geschäftsführung des Austrian Institute Inc. Austrian Affairs – Science – Art – Economics, das von →Guido Zernatto und Irene Harand mitbegründet worden war, und fungierte als Berater des Lighthouse of New York for the Blind of Israel. In New York pflegte Altmann Kontakte zur aus Wien exilierten Schriftstellerin →Mimi Grossberg, deren Mentor er war, und zu →Richard Beer-Hofmann. 1945 korrespondierte er mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz über dessen Haltung während des 2. Weltkriegs. Als Chairman des Austrian Jewish Representative Committee affiliated with the World Jewish Congress übermittelte er eine Erklärung von Siegfried Kantor, dem früheren Präsidenten der Wiener Rechtsanwaltskammer, zu dessen Artikel „The International Red Cross was Silent“ in „The Jewish Frontier“. Im Sommer 1946 reiste Altmann mit dem Diplomkaufmann Ernst (Ernest) Stiassny, dem früheren Bundesführer-Stellvertreter des 1935 gegründeten Bunds jüdischer Frontsoldaten Österreichs, nach Wien. Sie waren vom Austrian Jewish Representative Committee des World Jewish Congress delegiert worden. Ihr Auftrag war, die rekonstituierte Israelitische Kultusgemeinde Wien in deren Bemühungen um eine „Wiedergutmachung“ und Restitution zu unterstützen. Altmann und Stiassny wurden von Bundeskanzler Leopold Figl und Bürgermeister Theodor Körner empfangen und sprachen auf einer öffentlichen Kundgebung im Großen Konzerthaussaal. Altmann versuchte darüber hinaus in zwei Audienzen, Kardinal Theodor Innitzer zu einer öffentlichen Verurteilung des Antisemitismus zu veranlassen, allerdings vergeblich. Über diese Bemühungen verfasste Altmann 1946 einen persönlich gehaltenen Brief, der 1990 von Herbert Steiner publiziert wurde („Fürsten“ und „Hirten“. Kardinal Innitzer und der Antisemitismus, in: Das jüdische Echo 39, 1990). Altmann, der sich für eine internationale Vernetzung didaktischer Ansätze und Neuerungen in der Aus- und Weiterbildung von Blinden einsetzte, initiierte jährliche Konferenzen der Blindenlehrer in Österreich. 1934–35 war er Mitherausgeber der Zeitschrift „Archiv für das Blindenwesen und für die Bildungsarbeit an Sehschwachen“. Altmanns Teilnachlass befindet sich im Leo Baeck Institute (Center for Jewish History) in New York. Altmann war ab 1925 Vorstandsmitglied der Freien Zionistischen Vereinigung, ab 1926 Präsident des Vereins der Freunde des arbeitenden Palästina, 1929–38 Präsident des World Council for Education of the Blind, 1933–37 Präsident des Keren Hajessod Österreich, weiters Mitglied der B’nai B’rith Loge „Wahrheit“, Vizepräsident des Herzl-Klubs, Mitglied der American Association of Instructors of the Blind, des Austrian National Committee in den USA, Vizepräsident der Jakob Ehrlich Society, Vorstandsmitglied des Deutschen Theaters New York, Vorstandsmitglied des Free Austrian Movement und Mitbegründer der American Relief to Austria Inc.

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