Alzinger, Wilhelm (1928–1998), Archäologe

Alzinger Wilhelm, Archäologe. Geb. Wien, 11. 8. 1928; gest. Wien, 2. 1. 1998; röm.-kath. Sohn des Regierungsoberinspektors Wilhelm Alzinger (gest. 1944) und dessen Frau Maria Alzinger, geb. Klimpfinger (geb. 16. 7. 1898; gest. 1989); ab 1957 verheiratet mit Karin Alzinger, geb. Wäg (geb. Graz, Steiermark, 14. 4. 1933), aus der Kaufhausdynastie Kastner & Öhler. – Alzinger besuchte ab 1938 das Realgymnasium in der Astgasse in Wien-Penzing. 1946–51 studierte er klassische Archäologie und Alte Geschichte an der Universität Wien. Seine Lehrer waren Camillo Praschniker, Otto Walter, Fritz Eichler, Hedwig Kenner, Josef Keil, →Artur Betz und Karl Pink. Während der Studienzeit war er 1949 Mitarbeiter der Ausgrabungen in Carnuntum unter der Leitung von Erich Swoboda. 1951 promovierte er mit der Dissertation „Die römerzeitlichen Hügelgräber in Österreich“ bei Kenner und Betz. 1951–52 war Alzinger als Volkszählungshilfskraft am Statistischen Zentralamt beschäftigt und inventarisierte die Bibliothek aus dem Nachlass von Alexander Seracsin für das Urgeschichtliche Institut der Universität Wien. 1952–59 war er freier Mitarbeiter des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) als Grabungsassistent (Aguntum und Lavant in Osttirol, Ephesos, Rax bei Jennersdorf 1956, Thalgau 1959) und Fundbearbeiter, finanziert durch Werkverträge und Forschungsstipendien. 1954 und 1955 führte er im Rahmen des österreichisch-italienischen Kulturabkommens Grabungen in Agrigent durch. Mit Fritz Felgenhauer und Ämilian Kloiber bearbeitete er das Gräberfeld Kapfenstein und publizierte die Kleinfunde („Das Gräberfeld Kapfenstein in der Steiermark (Grabungen 1954–1959)“, in: Beiträge zur Kenntnis der Norisch-Pannonischen Hügelgräberkultur 1, 1965). 1959 wurde er wissenschaftliche Hilfskraft des ÖAI, 1960 Vertragsbediensteter, 1962 Beamter und 1967 Staatsarchäologe I. Klasse. 1970 habilitierte sich Alzinger an der Universität Wien für klassische Archäologie; seine Habilitationsschrift „Augusteische Architektur in Ephesos“ erschien 1974. 1976 erhielt er den Berufstitel eines ao. Universitätsprofessors, 1978 die Planstelle eines ao. Professors für klassische Archäologie. Er gehörte damit sowohl dem ÖAI als auch dem Institut für Alte Geschichte und Klassische Archäologie an der Universität an. Die angestrebte o. Professur in Wien in der Nachfolge Kenners (1982 emeritiert) erreichte er jedoch nicht. Seine Lehrveranstaltungen behandelten v. a. griechische und römische Architektur; er führte auch zahlreiche Exkursionen durch. Als Wissenschaftler am ÖAI war Alzinger lange Zeit hindurch Leiter von drei verschiedenen Ausgrabungen: 1958 übernahm er die offizielle Leitung der Osttiroler Grabungen, die er davor seit 1955 in Vertretung von Franz Miltner betreut hatte, bis diese 1991 der Innsbrucker Lehrkanzel für Archäologie übertragen wurden. Während Alzingers Grabungsleitung, 1966–76 unter Mitarbeit von Stefan Karwiese, wurden u. a. das sogenannte Atriumhaus, ein ausgedehntes Handwerkerviertel und eine Therme freigelegt. Aufsehen erregte 1976 der Fund eines römischen Dachziegels mit eingeritztem Stadtplan. Alzinger hielt trotz zahlreicher Gegenargumente an der antiken Datierung der Ritzung fest („Neues zum Stadtplan von Aguntum“, in: Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland 71, 1985). Ab 1961 leitete Alzinger die Frühjahreskampagne in Ephesos, zunächst unter der Oberaufsicht von Eichler, ab 1969 unter Hermann Vetters. Seine Forschungen konzentrierten sich vorerst auf die Gebäude am Südfuß des Panayırdağ (Prytaneion und augusteische Basilika); es gelang ihm in diesem Bereich die Identifizierung des Staatsmarkts („Das Regierungsviertel“, in: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien 50, 1972–75). Die Erforschung des Memmiusbaus erfolgte in Zusammenarbeit mit Anton Bammer. Im Zuge der Untersuchung des Mausoleums von Belevi publizierte Alzinger einen Nachtrag zur Architektur („Die Altertümer von Belevi. Versuch einer topographischen und historischen Einordnung“, in: Das Mausoleum von Belevi, ed. Camillo Praschniker – Max Theuer, 1979). Mit den Grabungen in Aigeira auf der Peloponnes ab 1972 setzte Alzinger die von Otto Walter 1916 begonnenen und – nach einer kriegsbedingten Unterbrechung – 1925 mit einer kurzen Nachuntersuchung wiederaufgenommenen Forschungen fort. Schwerpunkt seiner Tätigkeit als Grabungsleiter (1972–88) waren Arbeiten im Theater, in dessen Umgebung (sogenanntes Tycheion) sowie auf der Akropolis. Ende der 1980er-Jahre war Alzinger bereits durch Krankheit geschwächt, viele seiner Arbeiten blieben unvollendet. Seine Grabungsdokumentationen in Ephesos und Aigeira konnten aber zu späteren Publikationen beitragen. 1990 wurde Alzingers Zugehörigkeit zum ÖAI aufgehoben. Er gehörte nun nur noch dem (Universitäts-)Institut für Klassische Archäologie an; 1993 erfolgte seine Pensionierung. Alzinger setzte früh auf Vermittlung der archäologischen Forschung durch populärwissenschaftliche Werke („Die Stadt des siebenten Weltwunders. Die Wiederentdeckung von Ephesos“, 1962). Sein wissenschaftliches Werk umfasst Arbeiten zur provinzialrömischen und klassischen Archäologie, zu Architektur und Bauforschung sowie zu antiker Kunst, wobei der Schwerpunkt dabei auf antiker Architektur und Architekturentwicklung sowie auf der Entwicklung von architektonischen Details liegt. Alzinger gehörte der Österreichischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (1956–61 Vorsitzender, 1974–77 stellvertretender Vorsitzender) sowie dem Deutschen Archäologen-Verband e. V. an und war ab 1973 korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts. 1982 wurde er mit dem Großen Adler-Orden des Landes Tirol ausgezeichnet.

Weitere W.: Aguntum und Lavant. Führer durch die römerzeitlichen Ruinen Osttirols, 1962, 5. Aufl. 1994; Ephesos. B. Archäologischer Teil, in: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Supplement 12, 1970; Von der Archaik zur Klassik. Zur Entwicklung des ionischen Kapitells in Kleinasien während des fünften Jahrhunderts v. Chr., in: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien 50, 1972–75; Das Municipium Claudium Aguntum. Vom keltischen Oppidum zum frühchristlichen Bischofssitz, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt II, 6, ed. H. Temporini, 1977; Ephesos vom Beginn der römischen Herrschaft in Kleinasien bis zum Ende der Prinzipatszeit, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt II, 7, ed. H. Temporini, 1980 (gemeinsam mit D. Knibbe); Aigeira-Hyperesia und die Siedlung Phelloë in Achaia. Österreichische Ausgrabungen auf der Peloponnes 1972–1983. Teil I: Akropolis, in: Klio 67, 1985 (gemeinsam mit E. Alram-Stern – S. Deger-Jalkotzy); Aigeira-Hyperesia und die Siedlung Phelloë in Achaia. Österreichische Ausgrabungen auf der Peloponnes 1972–1983. Teil II: Theater und Umgebung, in: Klio 68, 1986 (gemeinsam mit S. Gogos – R. Trummer); Aigeira-Hyperesia und die Siedlung Phelloë in Achaia. Österreichische Ausgrabungen auf der Peloponnes 1972–1983. Teil III: Palati, zur Wasserversorgung, Phelloë, in: Klio 68, 1986 (gemeinsam mit E. Lanschützer u. a.); Die Lokalisierung des hellenistischen Rathauses von Ephesos, in: Bathron. Festschrift Heinrich Drerup, ed. H. Büsing – F. Hiller, 1988; Das Tycheion von Aigeira, in: Forschungen im Bereich des Theaters von Aigeira 2011–2018, ed. W. Gauß, 2022.
L.: Kürschner, Gel.Kal., 1996; T. Wohlers-Scharf, Die Forschungsgeschichte von Ephesos, 1995, S. 165f.; A. Bammer, Wilhelm Alzinger, in: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien 67, 1998, Beiblatt; S. Gogos, Wilhelm Alzinger zum Gedenken, seine Grabungszeit in Aigeira/Griechenland, in: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien 67, 1998, Beiblatt; W. Böhm, Nachruf auf Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Alzinger, in: Archäologie Österreichs 9, 1998, H. 1, S. 4; E. Walde, Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Alzinger zum Gedenken, in: Osttiroler Heimatblätter 66, 1998, H. 10, S. 4; G. Wlach, Die Akteure. Die Direktoren und wissenschaftlichen Angestellten. Wilhelm Alzinger, in: 100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut 1989–1998, red. M. Kandler, 1998, S. 131f.; J. Borchhardt, Wilhelm Alzinger †, in: Gnomon 71, 1999, S. 94; F. Fellner – D. A. Corradini, Österreichische Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert, 2006; Archiv des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW, Wien; UA Wien / phil. RA Alzinger Wilhelm 17.966; ÖStA Wien / AdR Unterricht, PA Alzinger Wilhelm 4620.
(Gudrun Wlach)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)