Ammann, Hermann (Joseph Ferdinand) (1885–1956), Sprachwissenschaftler

Ammann Hermann (Joseph Ferdinand), Sprachwissenschaftler. Geb. Bruchsal, Deutsches Reich (Deutschland), 10. 8. 1885; gest. Innsbruck (Tirol), 12. 9. 1956. Ammann war ein glänzender Schüler an Gymnasien in Bruchsal und Freiburg im Breisgau. Nach dem Abitur 1903 begann er an der Universität Freiburg im Breisgau klassische Philologie, Germanistik und Philosophie zu studieren. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten der Germanist Friedrich Kluge, der Indogermanist Rudolf Thurneysen sowie 1905/06 – während eines Semesters an der Universität Heidelberg – die Junggrammatiker Wilhelm Braune und Hermann Osthoff. Nach der Lehramtsprüfung 1909 war er als Lehramtspraktikant am Bertholdsgymnasium in Freiburg im Breisgau tätig. Im darauffolgenden Jahr promovierte er bei Thurneysen mit der Arbeit „Die Stellungstypen des lateinischen attributiven Adjectivums und ihre Bedeutung für die Psychologie der Wortstellung auf Grund von Ciceros Briefen an Atticus untersucht“ (publiziert 1911). Die Jahre 1911–13 verbrachte Ammann als Assistent beim berühmten Lexikonprojekt Thesaurus Linguae Latinae in München, für das er mehrere Wörterbuchartikel verfasste. Das darauffolgende Lektorat für klassische Sprachen an der Universität Freiburg im Breisgau wurde durch den Dienst als Freiwilliger beim Roten Kreuz im 1. Weltkrieg unterbrochen. 1920 konnte sich Ammann mit einer Studie zur Wortstellung bei Homer an der Universität Freiburg im Breisgau habilitieren. Abgesehen von den genannten akademischen Lehrern hatte v. a. Edmund Husserl großen Einfluss auf Ammanns sprachtheoretisches Denken. Ammann sah sein Hauptwerk „Die menschliche Rede. Sprachphilosophische Untersuchungen“ (2 Bände, 1925–28, Nachdruck 1974) als Beitrag zu einem System der philosophischen Grammatik im Sinne Husserls an und wollte die Grundbegriffe seiner Sprachtheorie durch „Einklammerung“ aller bisherigen Einsichten, d. h. der methodischen Urteilsenthaltung, gewinnen (vgl. Husserls Begriff der Epoché) und durch Absehen von allen kontingenten Eigenschaften von Sprache zu ihrem Wesenskern vorstoßen. 1926 wurde der Privatdozent an der Universität Freiburg im Breisgau zum ao. Professor ernannt, ehe er 1928 den Ruf an die Universität Innsbruck als Nachfolger von →Alois Walde erhielt. Dort wirkte er bis zu seinem Tod als Professor für historische und allgemeine Sprachwissenschaft. Rufe an die Universitäten Graz (1940) und Wien (1950) lehnte er ab. 1938 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP, die 1940 erfolgte. Neben seinen von Studierenden und vom Kollegium der Universität Innsbruck hochgeschätzten Lehrveranstaltungen zu indogermanistischen und sprachtheoretischen Themen hielt Ammann zudem Vorträge an der Innsbrucker Volkshochschule ab. Auch gelang es ihm, an der Universität Innsbruck ein Lektorat zur Plansprache Esperanto einzurichten. Seine zum Teil bahnbrechenden Ideen, die er in „Die menschliche Rede“ entwickelte, führte Ammann in den 1930er-Jahren in kritischer Auseinandersetzung mit den wichtigsten Arbeiten zur Sprachtheorie seiner Zeit fort, z. B. Karl Bühlers „Sprachtheorie“ von 1934. Zur Ausführung seiner weitreichenden Pläne einer „Soziologie der Rede“ kam es jedoch nicht mehr. Innovativ sind zahlreiche in Ammanns „Die menschliche Rede“ zu beobachtende Bemühungen, die empirische Vielfalt der sprachlichen Phänomene gleichmäßig in den Blick zu nehmen. Er geht dabei wie die zeitgenössische Pragmalinguistik und Gesprächsanalyse von einem fundamental dialogischen Begriff von Sprache aus. Ferner stellt er die traditionelle Bevorzugung von Behauptungssätzen als Sätze schlechthin entschieden infrage und sieht auch Frage-, Aufforderungs- und Wunschsätze als zentrale Gegenstände der Syntax. Modern gesprochen befasst sich Ammann mit einer ganzen Fülle von illokutiven Rollen von Sprechakten (neben Aussagen Fragen, Bitten, Aufforderungen, Wünsche, Verwünschungen, Flüche, Glückwünsche, Grüße). Er behandelt weiters Sonderformen des Sprechens, wie das von ihm so bezeichnete „chorische Sprechen“, das eine Art „Gemeinschaftsmonolog“ darstellt. Dabei wendet sich eine Gruppe von Menschen, die z. B. in einer Stresssituation kollektiv zu schimpfen beginnt, an eine imaginäre Hörerschaft. Bemerkenswert ist ferner, dass die Termini „Thema“ und „Rhema“, die von der Prager Schule des Strukturalismus verbreitet und in beeindruckender Weise weiterentwickelt wurden, ursprünglich von Ammann geprägt worden waren. 1923 erhielt er den Georg-Curtius-Preis.

Weitere W.: Untersuchungen zur homerischen Wortfolge und Satzstruktur 1, 1922; Untersuchungen zur homerischen Wortfolge und Satzstruktur 2, in: Indogermanische Forschungen 42, 1924, Nr. 1; Rezension von: Karl Bühler: Sprachtheorie, in: Archiv für die gesamte Psychologie 95, 1936; Nachgelassene Schriften zur vergleichenden und allgemeinen Sprachwissenschaft, ed. F. Gschnitzer, 1961 (mit Bild und W.); Die drei Sinndimensionen der Sprache: Ein kritisches Referat über die Sprachtheorie Karl Bühlers, in: Karl Bühlerʼs Theory of Language, ed. A. Eschbach, 1988.
L.: V. Mathesius, Zur Satzperspektive im modernen Englisch, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 84, 1929, S. 202ff.; F. Daneš, Zur linguistischen Analyse der Textstruktur, in: Textlinguistik, ed. W. Dressler, 1978, S. 185ff.; W. Oesterreicher, Zum Verhältnis von Sprachwissenschaft und Phänomenologie, in: Sprachwissenschaft in Innsbruck. Arbeiten … aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestehens des Instituts … und zum Gedenken an die 25. Wiederkehr des Todestages von H. Ammann …, ed. W. Meid u. a., 1982, S. 153ff.; L. Riebold, Thema – Rhema: Kurzgeschichte eines linguistischen Begriffspaares, in: Archiv für Begriffsgeschichte 42, 2000, S. 231ff.
(Manfred Kienpointner)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)