Amon, Bibiana (Maria Liliana) (1892–1966), Schriftstellerin

Amon Bibiana (Maria Liliana), Schriftstellerin. Geb. Linz (Oberösterreich), 23. 6. 1892; gest. Paris (Frankreich), 1. 2. 1966; röm.-kath. Voreheliche Tochter der Näherin Cäcilia Brandstätter (geb. 17. 6. 1869; gest. Linz, 7. 7. 1930) und des Schneidermeisters Josef Amon (geb. Klagenfurt / Klagenfurt am Wörthersee, Kärnten, 22. 5. 1843; gest. Steyregg, Oberösterreich, 30. 8. 1897); 1924 Heirat mit dem Schauspieler Eberhard Leithoff (geb. Berlin, Deutsches Reich/Deutschland, 4. 1. 1901; gest. Berlin, 29. 1. 1944), 1929 Heirat mit dem Kaufmann und Verfahrenstechniker Hans Ludwig Schwab (geb. Darmstadt, Deutsches Reich/Deutschland, 6. 12. 1895; gest. KZ Auschwitz-Birkenau, Deutsches Reich / Polen, vermutlich 1942; mos.). – Amon, die mit der Eheschließung ihrer Eltern 1897 legitimiert wurde, wuchs in Linz auf, wo sie bis zur Vollendung ihres 14. Lebensjahres in die Schule ging. Sie lebte 1906–08 vermutlich längere Zeit bei Verwandten väterlicherseits in Klagenfurt. Unter der Rubrik „Beruf“ führte sie auf zwei Linzer Meldezetteln aus dem Jahr 1908 einmal Kindermädchen, einmal Lehrmädchen an. Von Oktober 1909 bis Mitte Mai 1910 lebte sie mit →Egon Schiele, dem sie Modell stand, in dessen Atelier in der Wiener Alserbachstraße zusammen. 1910 brachte Amon im Alservorstadtkrankenhaus eine Tochter, Liliana Marie, zur Welt, die sie zur Adoption freigab. Auf Wiener Meldezetteln gab Amon unter der Rubrik „Charakter (Beschäftigung)“: 1910 Malerin, 1912 Handelsschülerin, 1912/13 Korrespondentin (eine den kaufmännischen Briefverkehr führende Bürokraft), 1917/18 Sängerin an. Von Anfang Juni bis Anfang Juli 1913 hielt sie sich als Begleitung →Peter Altenbergs in Venedig auf. Ab Mitte 1918 verkehrte Amon im Literatenzirkel um →Ernst Polak. Dort lernte sie u. a. Muhamad Asad, Franz Blei, →Albert Ehrenstein, →Otto Gross, →Egon (Erwin) Kisch, Gina Kaus, →Anton Kuh, Milena Polak (geb. Jesenská) und →Franz Werfel kennen. Mit Kuh war Amon ab Spätsommer 1918 bis Anfang 1919 verlobt. Mitte 1920 verließ sie den Bohème-Zirkel mit seiner programmatisch gelebten Promiskuität, den chronischen Geldsorgen und dem habituellen Kokainkonsum in Richtung Berlin. Anfang August debütierte sie als Gwendolin in Oscar Wildes „Bunbury“ an der Charlottenburger Tribüne. Sie lebte eine Zeit lang mit dem russischstämmigen bildenden Künstler und Übersetzer Eduard Schiemann zusammen. Nach der Heirat mit Schwab ging sie mit ihm, ausgestattet mit einem deutschen Pass, im Juli 1936 nach Frankreich. Sie lebte, ab November 1936 getrennt von ihrem Ehemann, in Paris. Im Mai 1939 erschien im renommierten Pariser Verlag Denoël in französischer Sprache Amons Roman „Barrières“, in dem sie das Leben der Protagonistin mit ihrem eigenen engführt. Das vielfach besprochene Buch erlebte noch im Erscheinungsjahr acht Auflagen. Auf dem Schmutztitel von „Barrières“ wurde ein zweiter Roman angekündigt, „La Vie Ridicule“ (Das lächerliche Leben), der ebenso wenig erschienen ist wie die deutsche Fassung ihres Erstlings, deren Veröffentlichung im Mai 1939 bereits angekündigt wurde. Nachdem Schwab im November 1939 als deutscher Staatsbürger und Displaced person im Lager Lisieux interniert worden war, bemühte sich Amon beim französischen Innenminister um seine Freilassung. Schwab kam zwar zwischenzeitlich frei, wurde aber neuerlich interniert und schließlich vom Sammellager Drancy aus im August 1942 nach Auschwitz deportiert. In Werfels Schlüsselroman „Barbara oder Die Frömmigkeit“ (1929) findet sich Amon in der Figur der hemdsärmeligen Angelika porträtähnlich gezeichnet. Sie ist auch Vorbild für die burschikose, ungenierte „Bibi“ in →Karl Tschuppiks autobiografischem Roman „Ein Sohn aus gutem Hause“ (1937).

L.: O. Soyka, Viel Geist war mit von der Partie – Erinnerungen ans Café Central, in: Die Schau. Halbmonatsschrift für Kultur und Politik 1, 1953, H. 15/16, S. 7f.; T. Durieux, Meine ersten neunzig Jahre. Erinnerungen, 1971, S. 187ff.; E. Liessner, Aus meinem Leben, in: G. Wolf u. a., Elena Liessner-Blomberg oder Die Geschichte vom Blauen Vogel, 1978, S. 58ff.; M. Dubrovic, Veruntreute Geschichte. Die Wiener Salons und Literatencafés, 1985, S. 99ff.; W. Schübler, Bibiana Amon. Eine Spurensuche, 2022; Archiv der Stadt Linz / Schulamt, Volksschule katholisches Waisenhaus, Klassenbücher, Schuljahre 1901/02, 1902/03, 1905/06, Meldebücher Linz, M53, fol. 70–71; WStLA / Allgemeines Krankenhaus, B73 – Landesgebäranstalt, 2. Gebärklinik, Aufnahmeprotokoll 30, 2. Gebärklinik, Aufnahmeprotokolle II 4561/1910 (Maria Bibiana Amon); WStLA / Allgemeines Krankenhaus, B22, Landesgebäranstalt, Taufbücher, Geburtenbücher 249, Pag. 149, Zl. 5551/1910, B75 – Index zum Aufnahmeprotokoll: 1., 2., 3. Gebärklinik, Aufnahmsprotokoll Index; Archives de Paris / Archives numérisées, État civil de Paris, Actes d’état civil, Décès, 18° arrondissement, Cote 18D486, acte n° 308, 01/02/66; Archives de Paris / déclaration de succession, cotée DQ7 50176, 2706/anc. 118 E.
(Walter Schübler)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)