Andergast, Maria; geb. Pitzer, verheiratete Helbig-Andergast, wiederverheiratete Breuer-Andergast und Häussler-Andergast (1912–1995), Schauspielerin und Sängerin

Andergast Maria, geb. Pitzer, verheiratete Helbig-Andergast, wiederverheiratete Breuer-Andergast und Häussler-Andergast, Schauspielerin und Sängerin. Geb. Brunnthal, Deutsches Reich (Deutschland), 4. 6. 1912; gest. Wien, 14. 2. 1995 (ehrenhalber gewidmetes Grab: Zentralfriedhof); röm.-kath. Tochter von Theres(ia) Pitzer, geb. Grünschneder, und Friedrich Pitzer, Schwester der Schauspielerin Li(e)sl Andergast (1905–1980); in 1. Ehe (1936) mit Heinz Helbig (geb. 1913), in 2. Ehe (1941) mit Siegfried Breuer (1906–1954) und in 3. Ehe (1958) mit Richard Häussler (1908–1964) verheiratet. – Andergast kam mit zwei Jahren als Vollwaise nach Wien, wo sie bei Verwandten aufwuchs. Sie besuchte laut eigener Aussage zunächst die „Kolonitzschule“ in der Löwengasse und auf Wunsch ihrer Ziehmutter die Gewerbeschule, um Schneiderin zu werden. Doch wie ihre ältere Schwester Liesl wollte sie eigentlich eine künstlerische Laufbahn einschlagen und durfte schließlich in der Schauspielschule des Neuen Wiener Konservatoriums eine Ausbildung beginnen. Allerdings verließ Andergast diese bereits nach einem Jahr, um ihr erstes Engagement am Stadttheater in Aussig an der Elbe anzutreten. Sie stand dort bis 1931/32 auf der Bühne und wechselte für die Saison 1932/33 an das Deutsche Theater in Prag, wo sie für Luis Trenker entdeckt wurde. Um in seinem Film „Der verlorene Sohn“ (Deutschland 1933/34) in der Rolle der Barbl Gudauner vor der Kamera debütieren zu können, unterbrach sie ihr Engagement in Prag. 1934/35 erhielt sie eine Anfrage für ein Gastspiel am Wiener Burgtheater, das jedoch nicht zustande kam. Auch während des Kriegs blieb Andergast tätig und wirkte u. a. in Filmen mit, die dem Nationalsozialismus verpflichtet waren, wie der Wien-Film-Produktion „Der liebe Augustin“ (1940). 1944 wurde ihr Name vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in die „Gottbegnadeten-Liste“ (Abschnitt II. „Weitere uk-gestellte Einzelkünstler“ / „A. Filmliste“) aufgenommen. Über diese Zeit sollte Andergast später öffentlich nicht sprechen, stattdessen erzählte sie in Interviews lieber von den Höhepunkten ihrer Karriere nach Kriegsende. Diesbezüglich hervorzuheben ist neben dem Heimkehrerdrama „Der weite Weg“ (1946), der als erster österreichischer Nachkriegsfilm Premiere feierte, der noch heute bekannte Heimatfilm „Der Hofrat Geiger“ (1947), der als einer der größten Kinoerfolge der österreichischen Nachkriegszeit gilt. Darin verkörperte Andergast Marianne Mühlhuber, eine resolute und (für heutige Zuschauer:innen) überraschend moderne Frau, die anfänglich den patriarchalen Idealen der Zeit trotzt, um schließlich doch von der Leinwand-Ehe mit ihrem Filmpartner Paul Hörbiger überzeugt zu werden. Hörbiger stand, ebenso wie Hans Moser, wiederholt mit Andergast vor der Kamera, so auch in der erfolgreichen Verwechslungskomödie „Hallo Dienstmann“ (1951), in der Andergast einmal mehr (nun in der Rolle der Gesangsprofessorin Gaby Brandstätter) als selbstbewusste Frau auftritt. Parallel zu ihrer Filmkarriere führte sie ihr während des Kriegs begonnenes und ihr besonders am Herzen liegendes Engagement am Wiener Theater in der Josefstadt weiter, wo sie mit Unterbrechungen bis zur Saison 1957/58 auftrat und in den dazugehörigen Kammerspielen 1957 nochmals als Marianne in „Der Hofrat Geiger“ zu sehen war. Ihre Paraderolle erlaubte es ihr auch, sich ein zweites Standbein als Sängerin aufzubauen. Zusammen mit Hans Lang, dem Komponisten der aus ihren Filmen bekannten Lieder, wie „Mariandl“ (1947), absolvierte sie Gastspiele, nahm Schallplatten auf und ging auf Tourneen (z. B. „Mariandl“-Tournee, Deutschland 1949). Zudem kreierte sie eigene Lieder, von denen eines – „Ich hab’ heut’ von der Liebe geträumt“ – 1956 vom Musikverlag Melodie der Welt publiziert wurde. 1964 kam Andergasts Karriere dann jedoch abrupt zum Erliegen: Durch einen Autounfall bei München erlitt sie schwere Verletzungen im Gesicht und an den Beinen. Zusätzlich verlor sie während ihres mehrmonatigen Krankenhausaufenthalts ihren dritten Ehemann, der unerwartet verstarb. Diese Zeit bedeutete für Andergast eine biografische Zäsur. In der Folge vernichtete sie viele ihrer Lebenserinnerungen und war gezwungen, beruflich zu pausieren. Nichtsdestotrotz blieb sie noch mehr als ein Jahrzehnt in München, wo sie u. a. am Residenztheater auftrat. 1976, nach mehrfachen karrierebedingten Wohnsitzwechseln, übersiedelte sie zurück in ihre Heimatstadt, um sich endgültig ins Privatleben zurückzuziehen – allerdings nicht ohne mit weiteren (Bühnen-)Engagements zu liebäugeln, wie sie bei einem ihrer letzten öffentlichen Auftritte in der Fernsehsendung „Seniorenclub“ (ORF 1978) zugab. In der Realität blieb ihr Leben in Wien bis zu ihrem Tod jedoch ein zurückgezogenes. 1987, zu ihrem 75. Geburtstag, würdigte sie der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk u. a. mit den Worten: „Ihre legendären Erfolge im Film sind bis heute unvergessen.“ Andergast erhielt 1974 das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien. 1996 wurde der Maria-Andergast-Weg in Wien-Donaustadt nach ihr benannt

Weitere Rollen: s. Dörfler.
L.: Kosch, Theater-Lex.; oeml; G. Dörfler, in: CineGraph 25, 1995, D1–D4; Das große Personenlexikon des Films 1, 2001; R. Lenius, Wiener Spuren berühmter Schauspielerinnen und Schauspieler, 2004; E. Klee, Das Kulturlexikon zum Dritten Reich, 2009; Filmarchiv Austria / Nachlässe, Maria Andergast-Teilnachlass, Archivboxen 1 und 2; ÖStA Wien / HHStA, HA, Burg, SR, 25–23; Wienbibliothek im Rathaus / Handschriftensammlung, Nachlass Hans Lang, ZPH 1367, Archivboxen 1, 4, 5 und 6; Theater in der Josefstadt / Archiv Dramaturgie, Rollenverzeichnis 1940–58; WStLA / Bundespolizeidirektion Wien, Historische Meldeunterlagen, Prominentensammlung, Andergast Maria. 4. 6. 1912; BArch / R 55/20252a, Bl. 22.
(Anna Denk)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)