Angel, Ernst; ab 1941 Ernest (1894–1986), Schriftsteller, Drehbuchautor, Filmproduzent und Psychoanalytiker

Angel Ernst, ab 1941 Ernest, Schriftsteller, Drehbuchautor, Filmproduzent und Psychoanalytiker. Geb. Wien, 11. 8. 1894; gest. Newark Airport, New Jersey (USA), 10. 1. 1986; mos. Sohn des Papiergroßhändlers Siegfried Angel (geb. Triesch, Mähren / Třešť, Tschechien, 8. 10. 1858; deportiert am 19. 2. 1941 nach Kielce; gest. Ghetto Kielce, Deutsches Reich / Polen, 13. 9. 1941) und von Helene (Ilona) Angel, geb. Traub (geb. Szegedin / Szeged, Ungarn, 13. 11. 1867; deportiert am 19. 2. 1941 nach Kielce; gest. Ghetto Kielce, Dezember 1941 oder Jänner 1942), Bruder der Schauspielerin Dora Angel, verheiratete Jacob (geb. Wien, 29. 9. 1889; gest. Berlin, Deutschland, 26. 2. 1984), die in 1. Ehe mit dem Schriftsteller Otto Soyka (geb. Wien, 9. 5. 1882; gest. Wien, 2. 12. 1955), in 2. Ehe mit dem Schriftsteller Heinrich Eduard Jacob (geb. Berlin, Deutsches Reich/Deutschland, 10. 7. 1889; gest. Salzburg, Salzburg, 25. 10. 1967) verheiratet war, und von Brigitte (Bridged) Angel, verheiratete Bogard (geb. Berlin, 24. 8. 1923; gest. New York, NY, USA?, 2017?), Besitzerin einer Werbeagentur, Fotografin, Reiseleiterin und Universitätsangestellte; in 1. Ehe ab 1922 verheiratet mit Dussia (Berta) Angel, geb. Efroika (1925 geschieden), in 2. Ehe ab 1927 mit der Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Johanna Angel, geb. Lehmann (1956 geschieden), und in 3. Ehe ab 1956 mit der Lehrerin Evelin G. Amon, geb. Epstein. – Angel wechselte mehrfach die Gymnasien und maturierte im März 1914 in Brünn. Schon als Gymnasiast veröffentlichte er erste expressionistische Gedichte, u. a. in der Jugendzeitschrift „Der Anfang“ – eines führte zum Bruch mit dem Vater („Vaterhaus“) –, in Tageszeitungen und 1913 in der Anthologie „Die Pforte“. Nach Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde Angel im Oktober 1914 zum Militärdienst einberufen und diente zuerst als Kanonier bei der reitenden Artilleriedivision Nr. 2 in Tirol, ab April 1916 als Zugsführer eines Festungsbataillons im Infanterieregiment Nr. 4 (Hoch- und Deutschmeister) im Trentino und ab Jänner 1917 in der Etappe in Graz, St. Veit an der Glan und in Wien, zuletzt im Rang eines Oberleutnants. Für seine Tapferkeit mehrfach ausgezeichnet, wurde er Ende November 1918 aus der Armee entlassen. Neben seinem Studium der Philosophie, das er im März 1918 wiederaufnahm, engagierte er sich in den Jahren 1918/19 schriftstellerisch in einem Literatenzirkel an der Seite von →Albert Ehrenstein, Hans Flesch-Brunningen, Soyka u. a. in der revolutionären Bewegung. Er verfasste Gedichte, Theaterkritiken und politische Aufsätze, die in den Zeitschriften „Der Friede“, „Wage“, „Die Aktion“, „Das junge Deutschland“ und „Die neue Schaubühne“ erschienen. Nach dem Scheitern der sozialen Revolution brach er sein Studium in Wien ab. Nach der Gedichtsammlung „Sturz nach oben“ (1920) schrieb er keine weitere Lyrik mehr. Er ging nach Berlin, wo er eine Zeit lang als Regieassistent bei →Max Reinhardt Erfahrungen am Deutschen Theater sammelte. Durch den dort tätigen Arthur Kahane erhielt er 1920 eine Stelle beim Erich Reiß Verlag und verfasste daneben Theater- und Filmkritiken, u. a. für das „Prager Tagblatt“. Ab Mitte 1922 war er beim Gustav Kiepenheuer Verlag tätig. Gleichzeitig begann seine Beschäftigung mit dem Film als neuer Kunstform. Anfang 1924 erschien der erste Band der von Angel herausgegebenen Reihe „Das Drehbuch“. In der Einleitung unterstrich er die Bedeutung einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Film als Instrument der Technik, Kunst und Industrie. Im selben Jahr wechselte er als Werbeleiter zum Ullstein Verlag. Im Frühjahr 1925 gründete er in Berlin den Ernst Angel Verlag, in dem auch seine Biografie des Erfinders Thomas Alva Edison erschien („Edison. Sein Leben und Erfinden“, 1926), die einen breiteren Leserkreis fand. In den Folgejahren verlegte er sich aber v. a. auf den Vertrieb von Zeitungsartikeln und Artikelserien von Berlin in das In- und Ausland; die Verlagsproduktion beschränkte sich auf Übersetzungen zweier Ratgeber des kanadischen Journalisten und Sozialphilosophen Herbert N. Casson. Anfang 1933 stellte der Verlag seine Tätigkeit ein. Angel, der sich schon einige Jahre zuvor immer mehr dem Film zugewandt hatte, gründete Anfang 1928 zusammen mit Bela Bálasz, G. W. Pabst, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und Arthur Hollitscher den Volksverband für Filmkunst, der sich Produktion und Vorführung wertvoller Filme zu günstigen Billettpreisen zur Aufgabe machte. In dessen Auftrag produzierte Angel im selben Jahr den Montagefilm „Zeitbericht-Zeitgesicht“ und den Kulturfilm „Emden III fährt um die Welt“ (Auftraggeber: Reichswehrministerium), die ihn als Filmproduzenten bekannt machten. Im Jänner 1929 gründeten Angel und Georg Hoellering in Berlin die Erdeka-Film GmbH, die – zum Teil mit Angel als Regisseur – mehrere Kulturfilme über soziale Probleme produzierte und filmästhetisch neue Wege beschritt. Daneben war er Kritiker beim „Illustrierten Film-Kurier“. 1931 engagierte ihn UFA-Produktionschef Ernst H. Correll als Cutter; später sollte er dort auch Regie führen. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er aber nach wenigen Monaten entlassen. In der Folge war Angel erneut als Redakteur, Essayist, Drehbuchcoautor („Liebe auf Rädern“) und als Werbe-Chef für den ersten russischen Tonfilm „Der Weg ins Leben“ tätig. Nach Erlass des deutschen Filmkontingentgesetzes engagierte er sich in Berlin für eine Wiedereinstellung der zahlreichen betroffenen Österreicher. Noch bevor das NS-Regime 1933 ein Beschäftigungsverbot gegen jüdische Filmschaffende erließ, kehrte Angel nach Wien zurück. Ende Jänner 1933 hielt er in der Wiener Urania einen Vortrag über „Das Geheimnis des Tonfilms“, der ihn in der Folge auf eine Vortragstour durch die Niederlande führte. Nach seiner Rückkehr drehte er u. a. mit Karl Paryla in den Ateliers der Sascha „Der zerbrochene Krug“, der bei den Wiener Film-Festwochen prämiert, im Anschluss daran für die Filmbiennale Venedig nominiert und in London, den Niederlanden und den USA aufgeführt wurde. Wegen des Aufführungsverbots in Deutschland sah sich Angel gezwungen, die Rechte an die Tobis-Sascha abzutreten und der Stoff wurde von Gustav Ucicky neu verfilmt. Ab März 1935 hielt Angel auf Einladung Viktor Matejkas als Dozent an den Wiener Volkshochschulen die Vortragsreihe „Wir lernen Filmsehen!“, die auch Filmvorführungen, Atelierbesuche, praktische Übungen und Diskussionen umfasste. Schließlich kam es im Februar 1937 zur Gründung der Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs (zu den Proponenten und Gründern gehörten Matejka, →Willy Forst, Karl Hartl, Robert Musil, Carl Zuckmayer und Paul Hörbiger) mit Karl Bühler als Präsidenten und Angel als Geschäftsführer. Angel redigierte auch den „Film-Spiegel“ und war Mitarbeiter der Tageszeitung „Echo“. Mit der Auflösung der Gesellschaft der Filmfreunde durch den NS-Stillhaltekommissar und der zwangsweisen Einstellung des „Echo“ und des „Film-Spiegel“ verlor Angel erneut seine Existenzgrundlage. Noch einmal ging Angel im September 1938 nach Berlin, wo er im Zuge des Novemberpogroms verhaftet und bis zum 14. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen interniert war. Aufgrund eines britischen „Permits“ seiner Frau, jedoch mit bleibenden gesundheitlichen Schäden enthaftet, emigrierte er Ende März 1939 nach England und Anfang 1940 mit einem Affidavit des Filmwissenschaftlers Alfred L. Mayer nach New York. Bemühungen, auch die Eltern nachzuholen, waren erfolglos. Mit seinem Schwager Jacob rief Angel Anfang 1941 das Hilfskomitee Friends of European Writers and Artists in America ins Leben. Nach der Schaffung des Office of War Information wurde er im Juni 1942 für dieses tätig. Von September 1942 bis Jänner 1943 gestaltete er beim Sender WHOM die Reihe „Auf gut Deutsch gesagt“ und war 1944–46 Direktor für Werbung und PR bei US-Konsumgenossenschaften. Als Mitarbeiter beim American Council for Voluntary Agencies for Foreign Services war er bestrebt, sich in die Nahrungsmittelhilfe für Österreich einzuschalten. Angels Hoffnungen, darauf aufbauend ein PR-Zentrum für Österreich in den USA zu schaffen, erfüllten sich ebenso wenig wie die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Österreich im Rahmen eines österreichisch-amerikanischen Filmaustauschs. Danach wandte er sich der Marktforschung und der Psychologie zu. Ende 1946 wurde er Mitarbeiter des neu gegründeten Institute for Motivational Research des aus Wien stammenden Ernest Dichter, eines Schülers von Paul Felix Lazarsfeld, bei dem er zunächst als Interviewer, 1954–58 als stellvertretender Leiter tätig war. Gleichzeitig begann er 1947 ein Studium der Psychologie an der New School for Social Research, wo er sich dem Kreis um Rollo May, einen Schüler →Alfred Adlers, Paul Tillichs und Viktor Frankls, anschloss. 1954 erlangte er den M.A. 1958 erschien „Existence“, eine Textsammlung über Phänomenologie und Existenzanalyse, herausgegeben von May, Angel und Hugo F. Ellenberger, die zahlreiche Auflagen erlebte. Sein Psychologiestudium schloss er 1965 an der New York University mit einer Arbeit über „Cultural Distance“ ab. Daneben absolvierte er eine Ausbildung zum Psychoanalytiker am Institut der National Psychological Association for Psychoanalysis (NPAP). Ab 1965 war Angel als selbstständiger Psychotherapeut tätig und engagierte sich daneben in mehreren Berufsvereinigungen (Council of Psychoanalytic Psychotherapists, Präsident 1973–75, National Psychological Association for Psychoanalysis, Präsident) und auch gesellschaftspolitisch (Vizepräsident des Joint Council of Mental Health Service, Union for Concerned Psychologists and Psychoanalysts). Ab Anfang der 1970er-Jahre verbrachte er gemeinsame Urlaube mit Flesch-Brunningen und Hilde Spiel, erneuerte den Kontakt zu Matejka und dachte sogar über eine Rückkehr nach Wien nach. 1973 erhielt er von der BRD eine Entschädigung für die Vernichtung seiner Existenz, für Haft und Emigration.

Weitere W.: Jagd auf Dich, 1930 (Regie); Freude am Körper, 1930 (Regie).
L.: AZ, 21., NFP, 31. 7. 1932; NWT, 8. 7. 1934; Österreichische Film-Zeitung, 1. 3. 1935; E. Szittya, Das Kuriositäten-Kabinett, 1923 (Reprint 1979), S. 291; Bradford’s Directory of Marketing Research Agencies in the United States, 1956, S. 25; American Psychological Association, Biographical Directory, 1968–69, S. 20, 1973–74, S. 22; H. Flesch-Brunningen, Zwischen Central und Museum, in: Ver Sacrum. Neue Hefte für Kunst und Literatur, 1970, S. 63f.; Österreichische Avantgarde 1900–1938. Ein unbekannter Aspekt, ed. O. Oberhuber – E. Patka, Wien 1976, S. 96 (Kat.); M. G. Hall, Musil – ein Gründungsmitglied der „Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs“, in: Musil-Forum 2, 1976, H. 1, S. 26ff.; C. Pütter, Rundfunk gegen das „Dritte Reich“, 1986, S. 139, 200; Hirnwelten funkeln. Literatur des Expressionismus in Wien, ed. E. Fischer – W. Haefs, 1988, S. 1ff.; H. J. Gerlach, Heinrich Eduard Jacob, 1997, S. 13ff.; H. J. Gerlach, Ernst Angel, in: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, 3/2, ed. J. M. Spalek u. a., 2001, S. 34ff.; ÖStA Wien / KA, Qualifikationslisten Box 37, Vormerkblatt E.A.; ÖStA Wien / AdR, BPD Wien, Sign. XVIII, Akt 12.684 Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs; Wienbibliothek / ZPH 830 (Viktor Matejka), Box 1,12, Korr. V.M.-E.A.; Wienbibliothek / Sammlung Ernst Angel; WStLA / MA 119/A 32, Vereinsakt Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs Gz.1680/1936; IKG, UA, beide Wien; Landesarchiv Berlin / HReg. Gz. A Rep. 342–02, Nr. 33182, Registerakt Verlag Ernst Angel; Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin / Entschädigungsakte Reg.Nr. 59532 Ernst Angel; Mitteilung Murray G. Hall, Wien (gest.).
(Theodor Venus)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)