Angerer, Wilhelm (1904–1982), Fotograf

Angerer Wilhelm, Fotograf. Geb. Schwaz (Tirol), 6. 7. 1904; gest. Schwaz, 23. 12. 1982; röm.-kath. Enkel des Fotografen Caspar Angerer, Sohn von Rosa Liese Angerer, geb. Leitner (geb. 12. 7. 1879), und Georg Angerer (geb. Schwaz, 24. 4. 1876; gest. Schwaz, 25. 8. 1903), Fotograf, Neffe des Landschaftsmalers Max Angerer (1877–1955); ab 1935 verheiratet mit Barbara Angerer, geb. Kaufmann, aus Hall in Tirol. – Angerer stammte aus einer Fotografenfamilie. Der großväterliche Betrieb war 1870 als Photogeschäft Angerer gegründet worden. Angerer besuchte zunächst die Handelsschule in Bregenz und absolvierte eine Lehre als Fotograf im elterlichen Fotogeschäft in Schwaz. Danach war er in Meran, Genua und Bad Kissingen tätig. 1926/27 legte er in Wien die Meisterprüfung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt ab. Während längerer Reisen in den Mittelmeerraum sowie nach Spitzbergen beschäftigte er sich mit Edeldruckverfahren und stellte 1929 in der Kunsthandlung Bernhard in Innsbruck seine Bromöldrucke aus. Die ab 1930 entstandenen Aufnahmen zeigen die Tiroler Landschaft sowie das bäuerliche und städtische Leben. 1933 eröffnete Angerer ein eigenes Fotogeschäft mit einem Postkartenverlag in Kitzbühel. Neben dem Fotografieren verfolgte er vielseitige Interessen, wie Zeichnen, Schnitzen, Flötenspiel und Sport, v. a. aber beschäftigten ihn philosophische Fragestellungen, die ihn zum Schreiben von Texten anregten. Seine frühen Arbeiten orientierten sich technisch am Werk des Fotopioniers Heinrich Kühn, später entwickelte er seinen eigenen Stil, der an die Neue Sachlichkeit anschloss. Insbesondere seine Schneebilder aus den 1930er-Jahren wie „Gesang der Seligen“ oder „Ein Sang des Winters“ (beide Albertina, Wien), die motivisch an Gemälde von Alfons Walde erinnern, zeigen eine eigenständige fotografische Ästhetik, die wiederum mit dem Geist der NS-Zeit kongruent war. So erschien 1942 sein Bildband „Ein Lied rauscht von den Bergen“ im NS-Gauverlag Tirol-Vorarlberg. Im 2. Weltkrieg war Angerer ab 1942 Divisionsfotograf bei den Gebirgsjägern in Finnland und geriet in Kriegsgefangenschaft nach Norwegen, von der er 1945 heimkehrte. Die Fotos von der Front sowie Landschaftsaufnahmen zeigte er auf Wanderausstellungen, darunter „Karelischer Winter“ 1943 im Innsbrucker Taxishof. 1946 erschien der gemeinsam mit Ernst Sturmmair gestaltete Band „Die Einheit Tirols“. Ab den 1950er-Jahren wandte er sich zunehmend von der Fotografie ab und beschäftigte sich vermehrt mit Philosophie, Lyrik sowie dem Sammeln von Mineralien und Fossilien: 1979 folgte der Bildband „Fossilien, Zeugen frühen Lebens“. Angerers künstlerische Fotografie erfuhr aufgrund ihrer ideologischen Vereinnahmung in der NS-Zeit wenig Anerkennung, erst posthum veranstaltete Ausstellungen wiesen ihm den adäquaten Platz in der österreichischen Fotogeschichte zu: u. a. 1986 im Centre Pompidou in Paris, in Bozen, Trient und Innsbruck, 1999 in Schwaz und Kitzbühel, 2000 in Bozen sowie 2009 in Bregenz. Ein Teilnachlass von 30 Vintage Prints befindet sich in Besitz des Landes Tirol und ist als Leihgabe im Rabalderhaus in Schwaz ausgestellt.

Weitere W.: Ein Wintertraum, Der letzte Sonnengruß, Ein Lied zum Frühling, Der Ursprung, alle 1933–42 (Albertina Wien). – Publ.: Vom Einen im Grunde, 1961 (Gedichte).
L.: P. Weiermair, Wilhelm Angerer 1904–1982. Retrospektive des photographischen Werks, Schwaz 1999 (Kat.); F. Heubacher, Wilhelm Angerer 1904–1982. Das photographische Werk, DA Innsbruck, 2002; Foto: Modernity in Central Europe, 1918–1945, Washington 2007, S. 177 (Kat.); Ch. Bertsch, in: Kunst in Tirol 2, ed. P. Naredi-Rainer – L. Madersbacher, 2007, S. 667ff.; E. Cronin, in: History of Photography 32/3, 2008, S. 248ff.; A. Holzer, in: The History of European Photography 1900–1938, ed. V. Macek, 2010, S. 25; M. Forcher, in: Tiroler Fotografie 1854–2011, ed. M. Forcher – M. Pizzinini, Lienz – Brixen 2012, S. 150f. (Kat.); S. Moser-Ernst, in: Tiroler Fotografie 1854–2011, ed. M. Forcher – M. Pizzinini, Lienz – Brixen 2012, S. 240ff. (Kat.); O. Larcher u. a., in: Heimatblätter. Schwazer Kulturzeitschrift 79, 2016, S. 16f.; Pfarre Schwaz, Tirol.
(Ursula Marinelli)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)