Appelt, Heinrich (1910–1998), Historiker

Appelt Heinrich, Historiker. Geb. Wien, 25. 6. 1910; gest. Wien, 16. 9. 1998; röm.-kath. Enkel von →Heinrich Prade, Sohn des aus Böhmen stammenden Juristen und Ministerialrats Dr. iur. Ernst Appelt und seiner Frau Emma Appelt, geb. Prade, Vater der Psychologin, Psychotherapeutin und Sexualforscherin Univ.Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt, der Ärztin Dr. Elisabeth Gam (1951–2017) sowie der Politikwissenschaftlerin, Frauen- und Geschlechterforscherin Univ.Prof. Dr. Erna Appelt; ab 1946 verheiratet mit der Gymnasialprofessorin für Geschichte und Latein Dr. Paula Appelt, geb. Bauer (gest. 1984). – Nach Besuch des Akademischen Gymnasiums (1920–25) und des Schottengymnasiums in Wien studierte Appelt ab 1928 Geschichte und Germanistik (zunächst Lehramt) sowie Kunstgeschichte an der Wiener Universität. 1931–33 absolvierte er als o. Mitglied den 38. Ausbildungskurs am Österreichischen Institut für Geschichtsforschung mit einer Prüfungsarbeit über „Die falschen Papsturkunden des Klosters St. Bénigne de Dijon“ und promovierte 1932 mit der Dissertation „Die Eigenklöster des Bistums Basel“ bei →Hans Hirsch zum Dr. phil. Ab 1934 wirkte Appelt an der Universität Breslau – zunächst als Stipendiat der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft – als Mitarbeiter Leo Santifallers am Brixner Urkundenbuch mit (Bd. 2 der „Brixner Urkunden“, 1940–43), ab 1935 als Mitarbeiter der Historischen Kommission für Schlesien am „Schlesischen Urkundenbuch“. 1939 habilitierte er sich mit der Studie „Die Urkundenfälschungen des Klosters Trebnitz“ (publiziert 1940), worauf er 1943 zum planmäßigen ao. Professor für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Breslau berufen wurde. Eine Lehrtätigkeit konnte er allerdings aufgrund seines Wehrdiensts 1940–44 nur wenige Monate im Wintersemester 1944/45 ausüben. 1945 nach Wien zurückgekehrt, erhielt Appelt zunächst Lehraufträge am Institut für österreichische Geschichtsforschung und wurde 1946 mit der Supplierung der Lehrkanzel für Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Graz betraut. Aufgrund seiner 1939 beantragten und mit 1. Jänner 1940 erfolgten Aufnahme in die NDSAP als „registrierungspflichtig“ eingestuft, wurde Appelt erst nach Einstellung des Verfahrens 1948 zum ao. Professor ernannt. 1959 folgte seine Ernennung zum o. Professor und 1960 seine Wahl zum Dekan. Neben seiner Funktion als Vorstand des Instituts für Geschichte betreute er auch das Archiv der Universität Graz. 1963 wurde er zum o. Professor für Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien berufen, wo er zugleich am Institut für österreichische Geschichtsforschung bis zu seiner Emeritierung 1980 Deutsche Verfassungsgeschichte und Diplomatik (Kaiser- und Papsturkunden) lehrte und 1978–80 als Vorstand des Instituts für Geschichte fungierte. Neben diplomatischen, verfassungsgeschichtlichen und rechtshistorischen Spezialuntersuchungen galt Appelts Interesse v. a. den traditionsreichen Urkundeneditionen, für die er als Mitarbeiter und Organisator erfolgreich wirkte. 1951 veröffentlichte er in der Reihe „Regesta Imperii“ „Die Regesten des Kaiserreiches unter Konrad II. 1024–1039“ (Regesta Imperii 3. Salisches Haus 1024–1125. 1. Teil: 1024–1039, gemeinsam mit Norbert von Bischoff), 1960–75 erschien in vier Lieferungen der unter seiner Leitung erarbeitete 4. Band (1260–76) des „Urkundenbuchs des Herzogtums Steiermark“ (Bearbeiter Gerhard Pferschy) und 1963–71 in drei Lieferungen Band 1 des „Schlesischen Urkundenbuchs“. Als Appelts Hauptwerk gilt die 1956 übernommene Edition der „Urkunden Kaiser Friedrichs I. Barbarossa“, die er gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 1975–90 in fünf Bänden im Rahmen der „Diplomata“ der „Monumenta Germaniae Historica“ (MGH) publizierte. Die von Appelt noch 1990 in Arbeit genommene Edition der „Urkunden Kaiser Heinrichs VI.“ musste allerdings Vorarbeit für eine spätere Herausgabe bleiben. Appelt war ab 1948 korrespondierendes und ab 1962 ordentliches Mitglied der MGH, ab 1962 korrespondierendes sowie ab 1964 wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sein Organisationstalent konnte Appelt in zahlreichen Kommissionen der ÖAW einbringen, so ab 1963 als Leiter der Wiener Arbeitsstelle der MGH bzw. ab 1974 als Obmann der Kommission für die Wiener Diplomata-Ausgabe der MGH, als Obmann des Kuratoriums des Instituts für mittelalterliche Realienkunde der ÖAW (1968), der Inschriftenkommission der ÖAW (1969), der Kommission für die Herausgabe der Inschriften des Deutschen Mittelalters (1990) sowie der Kommission für die Neubearbeitung der „Regesta Imperii“ (1990). Des Weiteren war er Mitglied der Wiener Katholischen Akademie (1963), des Vereins für Geschichte der Stadt Wien (1964), der Medieval Academy of America (1973), des Herder-Forschungsrats in Marburg an der Lahn (1973), der Historischen Landeskommission für Steiermark (1947) sowie Ehrenmitglied der Historischen Kommission für Schlesien (1988). Appelt war Ehrendoktor der Universitäten Graz (1972) und Innsbruck (1973) und erhielt mehrere weitere Auszeichnungen: Wilhelm Hartel-Preis der ÖAW (1979), Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold (1980), Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (1989), Preis für Geistes- und Sozialwissenschaften der Stadt Wien (1990), Stauferpreis der Göppinger Gesellschaft für Staufische Geschichte (posthum 1998). 2010 fand in Wien eine Tagung zu seinem Gedenken statt.

Weitere W. (s. auch W. Stelzer, Schriftenverzeichnis H. Appelt, in: MIÖG 88, 1980; Grass, 1983; Fellner–Corradini): Die Urkundenfälschungen des Klosters Trebnitz. Studien zur Verfassungsentwicklung der deutschrechtlichen Klosterdörfer und zur Entstehung des Dominiums, 1940; Das Diplom Kaiser Heinrichs II. für Göss vom 1. Mai 1020. Eine diplomatisch-verfassungsgeschichtliche Untersuchung, 1953; Die Kaiseridee Friedrich Barbarossas, 1967; Privilegium minus. Das staufische Kaisertum und die Babenberger in Österreich, 1973, 2. Aufl. 1976; Kaisertum, Königtum, Landesherrschaft, 1988. – Bearb., Ed.: Das Leben in der Stadt des Spätmittelalters, 1977, 2. Aufl. 1980 (gemeinsam mit H. Kühnel); Adelige Sachkultur des Spätmittelalters, 1982.
L.: Die Presse, 12. 12. 1998; J. Riedmann, in: Almanach Wien 149, 1999, S. 463ff.; N. Grass, in: Der Schlern 57, 1983, S. 119ff. (mit W.; Nachdruck in: N. Grass, Wissenschaftsgeschichte in Lebensläufen, 2001, S. 407ff.); Recht und Geschichte, ed. H. Baltl u. a., 1990, S. 9ff.; W. Höflechner – A. Kernbauer, Vom Historischen Seminar der Karl-Franzens-Universität Graz, 1991, S. 238ff.; P. Csendes – F. Opll, in: Wiener Geschichtsblätter 53, 1998, S. 288ff.; G. Pferschy, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark 89/90, 1998/99, S. 385ff.; O. Hageneder, in: MIÖG 107, 1999, S. 507ff.; W. Koch, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 55, 1999, S. 413ff.; W. Stelzer, in: 25. Bericht der Historischen Landeskommission für Steiermark, 2000, S. 23ff.; F. Fellner – D. A. Corradini, Österreichische Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert, 2006 (mit W.); J. Thiel, in: Zeitgeschichte 35, 2008, S. 230ff., 242ff.; W. Koch, in: Urkunden und ihre Erforschung. Vorträge der Tagung zum Gedenken an Heinrich Appelt, ed. W. Maleczek, 2014, S. 15ff.; Archiv der ÖAW, Wien / Personalakt.
(Doris A. Corradini)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)