Arlt, Ilse Amalia Maria; bis 1919 Edle Arlt von Bergschmidt (1876–1960), Fürsorgewissenschaftlerin

Arlt Ilse Amalia Maria, bis 1919 Edle Arlt von Bergschmidt, Fürsorgewissenschaftlerin. Geb. Pötzleinsdorf, Niederösterreich (Wien), 1. 5. 1876; gest. Wien, 25. 1. 1960 (1977 Ehrengrab: Zentralfriedhof); röm.-kath. Enkelin von →Ferdinand Ritter Arlt von Bergschmidt und →Benedikt Hönig (Edler) von Hönigsberg, Tochter der Malerin Maria Elisabeth Amalia Edle Arlt von Bergschmidt, geb. Hönig Edle von Hönigsberg (1849–1923), und des Augenarztes Dr. Ferdinand Ritter Arlt von Bergschmidt (1849–1917), Schwester des Chemikers Ferdinand Wilhelm Arlt (1873–1946), des Chirurgen Benno Robert Arlt (1874–1953) und des Bankiers Walter Felix Arlt (1878–1950). – Bis zum Alter von 16 Jahren lebte Arlt mit ihrer Familie in der Wiener Innenstadt im Haus ihres Großvaters Ferdinand Arlt von Bergschmidt. Bildungsbürgerlich-liberal geprägt, charakterisierte sie sich rückblickend als privilegiertes Kind, das seinen ausgeprägten Lern- und Hilfstrieb von klein auf kreativ und vorzugsweise autodidaktisch entfalten durfte. Ein Anstellungswechsel ihres Vaters erforderte 1892 die Übersiedlung nach Graz, wo Arlt 1896 die Staatsprüfung für Englisch ablegte, die ihr auch ohne Matura den Besuch von Universitätsseminaren in den Fächern Englisch, Pädagogik und Geografie ermöglichte. Daneben gab sie Privatunterricht und engagierte sich in der neu gegründeten Grazer Zweigstelle des Sozialwissenschaftlichen Bildungsvereins. 1901 folgte sie der Einladung von →Ernst Mischler zur Mitarbeit am Steirischen Statistischen Landesamt und zum Besuch seiner volkswirtschaftlichen Seminare. Nach ihrer Rückübersiedlung nach Wien 1902 studierte sie bis 1905 als ao. Hörerin Nationalökonomie und Sozialpolitik bei →Eugen Philippovich von Philippsberg. Auf dessen Empfehlung wurde sie dem Handelsminister als erste weibliche Gewerbe-Inspektorin vorgeschlagen, was allerdings am Veto ihres Arztes scheiterte, der sie für zu schwach für einen derart aufreibenen Beruf hielt. Tief enttäuscht intensivierte sie stattdessen ihre Armutsforschungen durch Besuche von Betrieben, Arbeiterwohnungen und Arbeiterversammlungen, Analysieren von Schulstatistiken, Gewerbeinspektions- und Arztberichten, von Dokumenten über Kinderarbeit und amtliche Untersuchungen (wie jene zum ersten österreichischen Kinderschutzkongress 1907) sowie durch systematisches Sichten diverser Zeitschriften und Zeitungen. Ihre zusammengetragenen Fakten bildeten den Grundstein für die in den folgenden vier Jahrzehnten aufgebauten „Sammlungen Ilse Arlt“. Mittels dieser sollten die Ursachen für menschliches Gedeihen und Nicht-Gedeihen bzw. Armut – nach dem Muster naturwissenschaftlichen Forschens – bis zu den kleinsten Tatsachen ergründet und damit die empirische Basis für den fürsorgewissenschaftlichen Aufbau effektiver, also individualisierender und volksökonomisch effizienter Hilfsmethoden bereitgestellt werden. 1908 startete Arlt ihre Vortragsreihe „Einführung in die soziale Hilfsarbeit“. Für die Realisierung ihrer beim Internationalen Kongress für öffentliche und private Wohltätigkeit in Kopenhagen (1910) eingebrachten Argumente für die Schaffung des Berufs der Wohlfahrtspflegerin legte sie mit ihren 1912 gegründeten Vereinigten Fachkursen für Volkspflege in Wien einen ambitionierten Grundstein. Die Kurse dieser ersten, durchgängig privat geführten Ausbildung für Fürsorgerinnen in Österreich-Ungarn fanden zunächst in Wohnungen statt, auch bei Arlt zuhause, und betrafen den praktischen Unterricht in diversen sozialen und medizinischen Einrichtungen. In der in den Lehrbetrieb integrierten Forschungs- und Versuchsanstalt der Volkspflege wurden Arlts 1902 begonnene Sammlungen unter Mitarbeit der Schülerinnen kontinuierlich ausgebaut. Das erarbeitete Wissen wurde für Lehr-, Forschungs- und Ausstellungszwecke sowie für die praktische Fürsorgearbeit aufbereitet. Auf die Herausforderungen des 1. Weltkriegs reagierte Arlt mit dem Angebot zusätzlicher Intensivkurse für Freiwillige in der Hortarbeit, Säuglings- und Armenpflege sowie in der Kriegs- und Flüchtlingsfürsorge. Die Aktivitäten der Forschungs- und Versuchsanstalt der Volkspflege konzentrierten sich angesichts der kriegs- und nachkriegsbedingten Mangelwirtschaft auf die Erprobung und Verbreitung von Techniken zur kosten-, zeit- und mühesparenden Einzelhaushaltsführung und Lebenspflege. Als Ziel derselben veranschlagte sie das Gedeihen der Individuen und ihrer Umwelt. Der Weg dorthin führte über die Möglichkeit und Fähigkeit zur hinreichenden Befriedigung der von ihr als zentral angesehenen einander beeinflussenden menschlichen Bedürfnisse oder Gedeihenserfordernisse: Ernährung, Wohnung, Körperpflege, Kleidung, Erholung, Luft, Licht, Wärme, Wasser, Erziehung, Geistespflege (u. a. Religion), Rechtsschutz (u. a. Freiheit), Familienleben, ärztliche Hilfe und Krankenpflege, Unfallverhütung und Erste Hilfe, Ausbildung zu wirtschaftlicher Tüchtigkeit. Die dazu erforderliche Bedürfnisbefriedigungskompetenz, deren Befähigung Inhalt und Ziel der Volkspflege und Fürsorge darstellt, bezeichnete Arlt auch als „schöpferischen Konsum“. Darunter verstand sie ein kreatives und weitestgehend selbstbestimmtes Konsumhandeln im Unterschied zu einem fremdbestimmten, das heißt stark von den Interessen der Produkterzeuger gesteuerten, manipulierten Konsumverhalten. 1933 folgte sie der Einladung zu den dritten Sir Charles Loch Memorial Lectures in London, wo sie zum Thema „On our Way to a Science of Poverty“ referierte. Ihr 1937 anlässlich der 25. Jahresfeier der Vereinigten Fachkurse für Volkspflege vorgestellter Plan, ihre Sammlungen in einem permanenten Sozialmuseum auszustellen, wurde infolge des „Anschlusses“ Österreichs nicht umgesetzt. 1938 folgten aufgrund eines jüdischen Großelternteils die zwangsweise Schließung ihres Ausbildungsbetriebs, die Vernichtung ihrer Schriften sowie eines Teils der Sammlungen und das Verbot zu publizieren. Während des Kriegs bestritt Arlt ihren Lebensunterhalt mit Unterstützung ihrer Brüder und ehemaliger Schülerinnen, der Vermietung eines Teils ihrer Wohnung, mit Wäscheausbessern und Englischunterricht, wobei dieser jedoch nur für einen Schüler bewilligt wurde. 1946 gelang es, die Vereinigten Fachkurse für Volkspflege mithilfe ehemaliger Schülerinnen wieder aufzubauen. 1950 erzwangen finanzielle Lasten, aber auch Arlts Alter die endgültige Schließung. 1957 organisierte sie die Übergabe ihrer Sammlungen an die Fürsorgeschule der Stadt Wien, wo sie aufbewahrt, aber nicht mehr weiterbetreut wurden. In ihren Publikationen der 1910er-Jahre bezog Arlt Stellung zu Fragen des Rechtsschutzes und der Fürsorge für Frauen, Arbeiterinnen und Kinder und verbreitete Ideen zur Lebensreform (Körperpflege, Reformpädagogik, Ernährung etc.) für alle Bevölkerungsschichten. Damit verbunden votierte sie für eine gemeinsame Grundausbildung für alle ehrenamtlichen und beruflichen Fürsorgetätigen und wirkte in der 1904 gegründeten Wiener Auskunftsstelle für Wohlfahrtseinrichtungen. Nach dem 1. Weltkrieg fokussierte sie in ihren Fachpublikationen verstärkt auf Fragen der Fürsorgewissenschaft und -theorie sowie der Didaktik und Methodik exakter Armutsforschung. 1921 brachte sie ihr Lehr- und Studienbuch „Die Grundlagen der Fürsorge“ heraus, in dem sie ihren Volkspflegeansatz umfassend begründete. 1947 finalisierte sie ihr Manuskript „Die Welt des Konsumenten – eine Zeitgeschichte des Konsums, der Verbrauchs- und Lebenswirtschaft und der Technologie des Haushaltes“, das unveröffentlicht blieb und heute verschollen ist. 1958 folgte ihr zweites Hauptwerk „Wege zu einer Fürsorgewissenschaft“. Über Jahrzehnte verbreitete sie ihre Ideen und Konzepte über Fachzeitschriften hinaus auch in Tageszeitungen, Volkshochschulkursen, Wanderausstellungen und zuletzt via Radio. Ihren Lebensabend verbrachte Arlt in sehr bescheidenen Verhältnissen, unterstützt durch eine von der Stadt Wien gewährte Gnadenpension und den Erlös aus der Vermietung eines Zimmers ihrer Wohnung. 1907 war sie Gründungsmitglied der Wiener Soziologischen Gesellschaft, weiters Mitglied der Wiener Auskunftsstelle für Wohlfahrtseinrichtungen sowie der Kommission für Fürsorgewesen (Bund Österreichischer Frauenvereine). Sie erhielt das Kriegskreuz für Zivilverdienste II. Klasse, 1923 den Titel Bundesfürsorgerat, 1935 ein Stipendium der Marianne-Hainisch-Stiftung, 1954 den Dr.-Karl-Renner-Preis. 2012 wurde eine Gedenktafel in der Albertgasse 38 (Wien 8) angebracht, im selben Jahr erfolgte die Benennung der Ilse-Arlt-Straße in Wien-Donaustadt.

Weitere W. (s. auch Maiss–Ertl; Maiss, 2013): Die gewerbliche Nachtarbeit der Frauen in Österreich. Bericht erstattet der internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz, in: Schriften der österreichischen Gesellschaft für Arbeiterschutz, 1902, H. 1; Spezialisierte Horte, in: Kultur und Fortschritt. Neue Folge der Sammlung „Sozialer Fortschritt“. Hefte für Volkswirtschaft, Sozialpolitik, Frauenfrage, Rechtspflege und Kulturinteressen Nr. 491, 1913; Brennstoffersparnis im Haushalt, in: Rohö-Frauenblatt für die wirtschaftlichen und kulturellenInteressen der Frau in Staat, Gemeinde und Einzelhaushalt 1, 1921, H. 1; Das Beobachten sozialer Tatsachen, in: Deutsche Zeitschrift für Wohlfahrtspflege 4, 1926; Exakte Armutsforschung als Hilfsmittel in der Fürsorgekrise, in: Jahrbuch der Caritaswissenschaft 1932, 1932; Von meinem einst geplanten Fürsorgemuseum, in: Österreichisches Wohlfahrtswesen. Monatsblätter für soziale Fürsorge, 1948, H. 5/6; Nekrolog der ersten österreichischen Fürsorgeschule, in: Österreichisches Wohlfahrtswesen. Monatsblätter für soziale Fürsorge 8, 1950; Ilse Arlt, Werkausgabe 1–2, ed. M. Maiss, 2010; Ilse Arlt, Paths toward a Science of Welfare and Care. Werkausgabe 4, ed. M. Maiss, 2016.
L.: S. Staub-Bernasconi, Ilse Arlt: Lebensfreude dank einer wissenschaftsbasierten Bedürfniskunde: Aktualität und Brisanz einer fast vergessenen Theoretikerin, in: Die Geschichte der Sozialen Arbeit in Europa (1900–1960). Wichtige Pionierinnen und ihr Einfluss auf die Entwicklung internationaler Organisationen, ed. S. Hering – B. Waaldijk, 2002, S. 25ff.; Wissenschafterinnen in und aus Österreich, ed. B. Keintzel – I. Korotin, 2002 (mit Bild); C. Frey, Respekt vor der Kreativität der Menschen – Ilse Arlt: Werk und Wirkung, 2005; Ilse Arlt – (Auto-)biographische und werkbezogene Einblicke, ed. M. Maiss – S. U. Ertl, 2011 (mit Bild und W.); Ilse Arlt, Pionierin der wissenschaftlich begründeten Sozialarbeit, ed. M. Maiss, 2013 (mit Bild und W.); Pfarre Pötzleinsdorf, Wien.
(Maria Maiss)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)