Aschner, Bernhard (1883–1960), Gynäkologe, Geburtshelfer und Endokrinologe

Aschner Bernhard, Gynäkologe, Geburtshelfer und Endokrinologe. Geb. Wien, 27. 1. 1883; gest. New York City, New York (USA), 9. 3. 1960; bis 1912 mos., dann evang. AB. Sohn von Paula (Pauline) Aschner, geb. Blaustern (geb. Tachau, Böhmen / Tachov, Tschechien, 19. 3. 1853; gest. Wien, 25. 5. 1924), und dem Seniorchef der Firma S. Aschner und Söhne Samuel Aschner (geb. Récsény, Ungarn / Rišňovce, Slowakei, ca. 1849; gest. Wien, 2. 6. 1917), Bruder u. a. des Ingenieurs Emil Aschner (geb. Wien, 29. 11. 1884; gest. Ghetto Litzmannstadt, Deutsches Reich / Polen, 16. 9. 1942) sowie des Kaufmanns Felix (Hopi) Aschner (geb. Wien, 20. 4. 1888; gest. 1959); verheiratet mit Johanna (Hanne) Aschner, geb. König (geb. Wien, 23. 11. 1904; gest. New York City, 13. 2. 1970). – Nach der Gymnasialmatura 1901 in Wien studierte Aschner Medizin an der dortigen Universität; 1907 Dr. med. Bereits während des Studiums war er unter →Emil Zuckerkandl Demonstrator am 1. Anatomischen Institut, 1907–08 als Operationszögling bei →Anton Freiherr von Eiselsberg an der 1. Chirurgischen Universitätsklinik sowie 1908–12 in der gleichen Funktion unter →Friedrich Schauta an der 1. Universitäts-Frauenklinik. 1912–14 Assistent bei Johann Veit an der Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Halle an der Saale, habilitierte er sich dort 1914 für Gynäkologie und Geburtshilfe und wurde für die Stelle eines Oberarztes designiert. Während des 1. Weltkriegs diente er als Assistenzarzt im Dragonerregiment Nr. 3, später leitete er die chirurgische Abteilung des Garnisonsspitals Nr. 10 in Innsbruck. 1918 konnte sich Aschner an der Universität Wien ebenfalls für Geburtshilfe und Gynäkologie umhabilitieren. Neben seiner Tätigkeit als Privatdozent leitete er das Frauenambulatorium im Allgemeinen Krankenhaus. Der Patientinnenandrang war sehr groß, zu ihnen zählten Mutter und Schwester von →Engelbert Dollfuß. Aschner wurde aber auch immer wieder für Konsultationen ins Ausland geholt, etwa 1937 zur Behandlung der Frau eines Maharadschas. Eine angestrebte ao. Professur wurde ihm jedoch verwehrt, zum einen aus „rassischen“ Gründen und persönlichen Animositäten, zum anderen versuchte der mehrmalige Dekan der Medizinischen Fakultät und Rektor der Universität Wien Leopold Arzt die Anzahl der ao. Professoren generell zu beschränken. 1937 wurde Aschner trotz jüdischer Herkunft von katholischen Kreisen als Vorstand der Gynäkologischen Abteilung des Wiedner Spitals vorgeschlagen. Das Bundesministerium für soziale Verwaltung lehnte eine Berufung ab, da Aschners fachliche Ansichten in medizinischen Kreisen immer wieder angefochten wurden. Im April 1938 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen, im Oktober desselben Jahres konnte er mit Frau und Tochter Elisabeth über Le Havre nach New York emigrieren, wo er nach Ablegung einer medizinischen Prüfung sowohl eine Privatpraxis führte als auch die Arthritisambulanzen des Stuyvesant Polyclinic Hospital und des Bronx Lebanon Hospital leitete. 1945 erhielt Aschner die amerikanische Staatsbürgerschaft. Bereits 1906 erregte er in den Medien großes Interesse, als er einem Verunglückten auf dem Dachstein Erste Hilfe leistete und zwei Tage lang bei diesem ausharrte, bis er ihn abtransportieren lassen konnte. Wissenschaftlich profilierte sich Aschner zunächst auf dem Gebiet der Endokrinologie. 1913 beobachtete er nach der Injektion eines von Schwangeren gewonnenen Extrakts Veränderungen an den Eierstöcken weiblicher Versuchstiere, womit er einen großen Fortschritt in der Wissenschaft einleitete. Die von ihm festgestellte Reaktion des später hCG genannten Hormons aus dem Harn Schwangerer wurde ab 1927 als biologischer Schwangerschaftstest eingesetzt. Darüber hinaus gilt Aschner als Pionier und Mitbegründer der Lehre von der inneren Sekretion und als Begründer der Konstitutionstherapie. Zudem wies er als Erster in der deutschen medizinischen Literatur auf den Wert der Akupunktur hin. Bei der Behandlung von Rheuma und Arthrose zog er Naturheilverfahren der Schulmedizin vor. Aschner trat auch als Medizinhistoriker in Erscheinung. Zwischen 1926 und 1932 veröffentlichte er die Schriften von Paracelsus als „Sämtliche Werke nach der 10bändigen Huserschen Gesamtausgabe (1589–1591) zum erstenmal in neuzeitliches Deutsch übersetzt“ (Reprint 1975–84, 1993). Diese Publikation fand anlässlich Aschners Teilnahme am Weltkongress für prophylaktische Medizin und Sozialhygiene in Bad Aussee 1959 medial großes Echo. Insgesamt veröffentlichte Aschner über 170 wissenschaftliche Arbeiten, darunter 14 Bücher. Viele davon wurden in mehrere Weltsprachen übersetzt und mehrfach – auch noch im 21. Jahrhundert, zum Teil aktualisiert – neu aufgelegt. Seine erste Veröffentlichung „Ueber einen bisher noch nicht beschriebenen Reflex vom Auge auf Kreislauf und Atmung. Verschwinden des Radialispulses bei Druck auf das Auge“ erschien in der „Wiener Klinischen Wochenschrift“ 21, 1908. Dieser okulokardiale Reflex ist auch als „Aschner-Bulbusreflex“ bekannt. Weiters arbeitete er an dem von Emil Abderhalden 1920–39 herausgegebenen „Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden“ mit und fungierte als ständiger Mitarbeiter für Konstitutionstherapie der „Wiener Medizinischen Wochenschrift“ (1938) sowie als Mitherausgeber der „Zeitschrift für biologische Heilweisen“. Darüber hinaus hielt er vielbeachtete Vorträge, etwa in der Gesellschaft der Ärzte in Wien 1909 zum Thema „Demonstration von Hunden nach Exstirpation der Hypophyse“ und 1927 „Hypomenorrhoe, mit stoffwechselverbessernden und entgiftenden Methoden behandelt“, sowie 1930 in der Österreichischen Politischen Gesellschaft über „Neue Heilmethoden und deren Rückwirkung auf den Fremdenverkehr“. Anlässlich seines 50-jährigen Doktorjubiläums wurde ihm vom Österreichischen Generalkonsulat in New York eine Ehrenurkunde ausgestellt. Dies nahm er zum Anlass, 1958 vom Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Wien den ihm während seiner Tätigkeit in Wien zugesagten Professorentitel einzufordern. Prominente Fürsprecher aus Medizin und Wissenschaft unterstützten ihn dabei, wandten sich dabei auch an den österreichischen Bundespräsidenten und schlugen ihn sogar für den Nobelpreis vor. Die Medizinische Fakultät wehrte sich auf Initiative der Leiter der beiden Frauenkliniken der Universität Wien erfolgreich dagegen. 1919–33 war Aschner Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, 1927–32 der Paneuropa-Union, darüber hinaus Ausschussmitglied des Österreichischen Kulturbunds, Mitglied der Wiener gynäkologischen Gesellschaft, der Bayerischen Gesellschaft für Gynäkologie, der New York Rheumatism Association sowie der American Society of Medical History. 1916 erhielt er das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens mit Kriegsdekoration, 1957 den Wilhelm-Hufeland-Preis des Zentralverbands der Ärzte für Naturheilverfahren, weiters das Ritterkreuz des Malteser-Ordens.

Weitere W.: Zur Physiologie des Zwischenhirns, in: Wiener Klinische Wochenschrift 27, 1912; Die Blutdrüsenerkrankungen des Weibes und ihre Beziehungen zur Gynäkologie und Geburtshilfe, 1918; Die Krise der Medizin. Konstitutionstherapie als Ausweg, 1928 (4. Aufl. 1932, 2000 aufgelegt als Lehrbuch der Konstitutionstherapie); Technik der Konstitutionstherapie, 1933 (2. Aufl. 1937); Der Arzt als Schicksal! Wohin führt die Medizin?, 1939; Treatment of Arthritis and Rheumatism in General Practice: Particularly in Women, 1946.
L.: NFP, 14. 9. 1906; Neues Österreich, 25. 2. 1951; J. Merinsky, Die Auswirkungen der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich auf die medizinische Fakultät der Universität Wien im Jahre 1938. Biographien entlassener Professoren und Dozenten, geisteswiss. Diss. Wien, 1980, S. 9ff.; S. Brunck-Loch, Bernhard Aschner (1883–1960). Sein Weg von der Endokrinologie zur Konstitutionstherapie, med. Diss. Mainz, 1995; Bernhard Aschner, in: gedenkbuch.univie.ac.at (Zugriff 25. 5. 2023); www.findbuch.at (Zugriff 25. 5. 2023); ÖStA Wien / AdR, Bundesministerium für soziale Verwaltung / Sektion Volksgesundheit, Abt. II/8, 1938, GZ 1281; ÖStA Wien / AdR, Rückstellungsakten Wien/NÖ/Bgld. 4832; WStLA / Bundespolizeidirektion Wien, Historische Meldeunterlagen, K11, Meldezettel; UA Wien / Zl. 61/1247/22: Senat S 304.27 sowie MED PA 652; National Archives and Records Administration, Washington D.C., USA / Passagierlisten 1938, New York Passenger and Crew Lists 1909, 1925–1957.
(Susanne Krejsa MacManus)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)