Auersperg, Alfred von; bis 1919 Alfred Johann Maria Anton Rupert Prinz von Auersperg (1899–1968), Psychiater und Neurologe

Auersperg Alfred, bis 1919 Alfred Johann Maria Anton Rupert Prinz von Auersperg, Psychiater und Neurologe. Geb. Weitwörth (Salzburg), 26. 9. 1899; gest. Hamburg (Deutschland), 10. 9. 1968; röm.-kath. Sohn von Maria Theresia Prinzessin von Auersperg, geb. Prinzessin Schönburg-Hartenstein (geb. München, Bayern/Deutschland, 17. 12. 1861; gest. Weitwörth, 25. 8. 1945), und dem Großgrundbesitzer Dr. iur. Eduard Prinz von Auersperg (geb. Wien, 8. 1. 1863; gest. Oberndorf bei Salzburg, Salzburg, 18. 3. 1956); in 1. Ehe ab 1923 (kirchlich konvalidiert 1927) verheiratet mit Martha Maria Hedwig Auersperg, geb. Gräfin Matz von Spiegelfeld (geb. Kitzbühel, Tirol, 1. 12. 1889; gest. Innsbruck, Tirol, 21. 8. 1970), deren 1917 geschlossene Ehe mit einem Grafen von Thurn und Taxis für ungültig erklärt wurde, in 2. Ehe ab 1947 mit Dr. Ingeborg Auersperg, geb. von Hardt, geschiedene Kauffler (geb. Wandsbek, Deutsches Reich / Hamburg, Deutschland, 18. 3. 1913; gest. Mainz, Deutschland, 28. 6. 1996). – Auersperg war 1910–17 Schüler des humanistischen Fürsterzbischöflichen Gymnasiums Borromäum in Salzburg und legte 1917 die Kriegsmatura ab. Ab 1917 diente er als Soldat beim Feldartillerieregiment Nr. 3 an der Südfront. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs besuchte er bis 1923 juridische und philosophische Vorlesungen an den Universitäten in Innsbruck und Wien und begann daneben auch eine Banklehre. 1923/24–29 studierte er Medizin an der Universität Wien; 1929 Dr. med. Bereits 1927 publizierte Auersperg seinen ersten neuropathologischen Beitrag „Das Verhalten der Kerne am Boden des III. Ventrikels bei Hydrocephalus“ (in: Arbeiten aus dem Neurologischen Institute der Wiener Universität 30). Während seines letzten Studienjahres war er als Demonstrator am Neurologischen Institut unter →Otto Marburg tätig. 1930 klinischer Hilfsarzt an der medizinischen Klinik bei →Franz Chvostek, wechselte er noch im selben Jahr an die Wiener Städtische Nervenheilanstalt Döbling (Maria-Theresien-Schlössel) und 1931 als Hospitant an die Psychiatrisch-Neurologische Klinik unter →Otto Pötzl. 1932 ging Auersperg an die Universität Innsbruck, um sich bei →Ernst Theodor von Brücke in der elektrophysiologischen Methodik ausbilden zu lassen, und vertiefte danach seine Kenntnisse der klinischen Anwendung der Chronaximetrie bei dem Internisten Johannes Stein in Heidelberg. 1933 kehrte er kurzfristig zu Brücke nach Innsbruck zurück. Danach fungierte Auersperg bis 1935 als wissenschaftlicher Assistent von Viktor von Weizsäcker an der neurologischen Abteilung der Medizinischen Klinik der Universität Heidelberg. Ab 1935 erneut an der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik der Universität Wien, übernahm er dort die neurologische Abteilung für Frauen; 1936 unbezahlter, ab 1937 klinischer Assistent. 1937 erwarb er die venia legendi für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Wien. Auersperg, der im April 1938 der SS und im Mai der NSDAP beitrat, war nach dem „Anschluss“ Österreichs bis 1939 mit der kommissarischen Leitung des Neurologischen Instituts der Universität Wien betraut, bekam bei der endgültigen Stellenbesetzung jedoch nicht den Posten des Klinikleiters, sondern blieb Assistent. 1939 wurde er zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Ein Jahr später erhielt er die Leitung der Nervenabteilung des Luftwaffenlazaretts Wien und der Nachbehandlungsstation in Baden übertragen. Daneben war Auersperg 1940–45 Direktor des Maria-Theresien-Schlössels. Ab 1942 baute er dort eine Forschungsstelle zur Fortsetzung messender Versuche im Bereich der Physiologie und Pathologie des Wahrnehmens und Bewegens aus. 1943 erfolgte seine Ernennung zum außerplanmäßigen Professor. Nach Kriegsende wurde Auersperg in Wien interniert, 1946 aber wieder entlassen; ein Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Er wurde als „Mitläufer“ eingestuft, eine etwaige Mitwirkung an „Euthanasie-Maßnahmen“ konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Seinen Posten als Klinikleiter des Maria-Theresien-Schlössels verlor er 1945 jedoch wegen seiner Zugehörigkeit zu nationalsozialistischen Vereinigungen. 1946 floh Auersperg in die Schweiz, wo sich bereits seine zweite Ehefrau und seine Tochter aufhielten. Von dort wanderte die Familie noch im selben Jahr nach Brasilien aus. Ab 1946 arbeitete Auersperg als Gastarzt in São Paulo, 1947 absolvierte er einen Forschungsaufenthalt am St. Johnʼs Riverside Hospital in New York. 1949 bis zu seinem Tod fungierte er als Gründungsdirektor der Psychiatrischen Klinik des Universitätskrankenhauses im chilenischen Concepción. Ab 1953 sind mehrere Besuche Auerspergs in Europa belegt, so 1958 ein einjährig geförderter Forschungsaufenthalt in Deutschland. Eine 1961 von der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg vorgeschlagene mehrsemestrige Gastprofessur konnte aus finanziellen Gründen jedoch nicht genehmigt werden. Zwischenzeitlich hielt sich Auersperg 1956 und 1957 zu Forschungszwecken am Child Study Center der Yale University auf und wirkte dort gemeinsam mit der aus Österreich emigrierten Kinderpsychologin Käthe Wolf. Auerspergs gesamtes wissenschaftliches Werk wurde seit seinem Aufenthalt in Heidelberg inspiriert von Weizsäckers neuem Konzept der Einheit von Wahrnehmung und Bewegung. Hervorzuheben sind seine Experimente mit Katzen, in denen er sich erstmals mit der Wirkung des Sympathicus auf die „Zeiterregbarkeit“ afferenter Nerven bei Reflexen im Kopfbereich befasste. In Brasilien stellte er Recherchen zur Psychophysiologie des viszeralen und des übertragenen Schmerzes an. Diskussionen über Fragen der Wahrnehmung erfolgten ab 1965 mit dem deutschen Philosophen Martin Heidegger und mit →(Karl) Ludwig von Bertalanffy. Auersperg war bis 1934 Mitglied der Vereinigung katholischer Edelleute Österreichs (ausgetreten), weiters Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebunds und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

Weitere W. (s. auch Kreuter): Messende Versuche am Schluckreflex und ihre prinzipiellen Voraussetzungen, in: Pflüger’s Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere 233, 1934; Contribuição à fisiopatologia da dor referida, in: Arquivos de neuro-psiquiatria 7, 1949; Trombose bilateral das artérias cerebrais anteriores, com encefalomalácias, e meningcoependimite purulenta, consequentes a sinusite maxilo-etmoidal purulenta operada, in: Arquivos de neuro-psiquiatria 7, 1949 (gemeinsam mit J. Hirschmann u. a.); Disturbances of sensation occasioned by experimental arrest of blood flow, in: Arquivos de neuro-psiquiatria 7, 1949 (gemeinsam mit O. Aidar – E. A. Erhart); A „sensação de facada“ como resposta estereotipada às excitações do peritôneo parietal, in: Arquivos de neuro-psiquiatria 7, 1949 (gemeinsam mit A. und S. A. de Barros); Erich Fischer-Brügge: geb. 28. XII. 1904, gest. 4. II. 1951, in: Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde 169, 1953; Schmerz und Schmerzhaftigkeit, 1963; Teilhard de Chardin und die moderne Anthropologie, in: Werden und Handeln, ed. E. Wiesenhütter, 1963 (gemeinsam mit Th. Oettingen-Spielberg); Poesie und Forschung: Goethe, Weizsäcker, Teilhard de Chardin, 1965 (gemeinsam mit Oettingen-Spielberg).
L.: Kreuter (mit W.); F. Ehlert, Personalbibliographien von Professoren und Dozenten der Psychiatrie und Neurologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien im ungefähren Zeitraum von 1925–1945, med. Diss. Erlangen-Nürnberg, 1972, S. 96ff.; M. Sack, Von der Neuropathologie zur Phänomenologie: Alfred Prinz Auersperg und die Geschichte der Heidelberger Schule, 2005; K. H. Tragl, Chronik der Wiener Krankenanstalten, 2007, S. 567; M. Wimmer, Abseits von Flucht und Widerstand. Der ehemalige österreichische Adel in der NS-Zeit, phil. DA Wien, 2012, s. Reg.; Pfarre Votivkirche, Wien; ÖStA Wien / AdR, Gauakt Alfred Auersperg, GA 564; UA Wien / Senat S 265.4.3 Auersperg, Alfred, 1942; UA Wien / MED PA 18 Auersperg, Alfred, 1927.11.22–1946.04.29; UA Wien / MED S 45 Auersperg Alfred (20. Jh.); Pfarre Nußdorf am Haunsberg, Salzburg; Staatsarchiv Hamburg / Generalregister der Standesämter A250/72.
(Frank Krogmann)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)