Aufschnaiter, Peter (1899–1973), Bergsteiger, Entwicklungshelfer und Kartograf

Aufschnaiter Peter, Bergsteiger, Entwicklungshelfer und Kartograf. Geb. Kitzbühel (Tirol), 2. 11. 1899; gest. Innsbruck (Tirol), 12. 10. 1973 (begraben: Kitzbühel). Sohn von Katharina Aufschnaiter, geb. Seiwald (geb. St. Johann/St. Johann in Tirol, Tirol, 23. 1. 1876), Tochter des Bärenwirts in St. Johann, und des Tischlermeisters Peter Aufschnaiter (geb. Oberndorf-Wiesenschwang, Tirol, 23. 3. 1864); unverheiratet. – Aufschnaiter wuchs in Kitzbühel auf, besuchte dort die Volksschule und ab 1911 das Reform-Realgymnasium in Kufstein. Schon ab seinem zwölften Lebensjahr war er in den Bergen unterwegs. In diesem Alter erlernte er außerdem das Skifahren und schloss sich der Skigruppe um →Franz Reisch an. Im März 1917 musste er die Schule abbrechen, wurde zum 1. Tiroler Kaiserjägerregiment eingezogen und kam an der Dolomitenfront zum Einsatz. 1918–19 in Kriegsgefangenschaft, konnte er erst 1919 seine Matura nachholen. Anschließend studierte er ein Jahr lang an der Philosophischen Fakultät der Universität Innsbruck und besuchte ab 1921 die Landwirtschaftliche Abteilung der Technischen Hochschule in München. 1927 schloss er sein Studium als Diplom-Landwirt ab. In München fand er sogleich Anschluss an die bekannten Alpinisten jener Zeit und unternahm zahlreiche Bergfahrten. Bald wurde auch der Notar und Organisator von Bergexpeditionen Paul Bauer auf ihn aufmerksam, nicht zuletzt wegen Aufschnaiters Sprachbegabung: Er sprach bereits als Gymnasiast Englisch und Italienisch und befasste sich mit asiatischen Sprachen. Infolge des Kontakts zu Bauer nahm Aufschnaiter 1929 und 1931 an Expeditionen zum dritthöchsten Berg der Welt, dem Kangchendzönga, teil. Als die zweite Expedition wegen Lawinengefahr abgebrochen werden musste, nutzte Aufschnaiter die Gelegenheit und erforschte mit einem Gefährten den Norden Sikkims bis zur Grenze zu China, worüber er erstmals Berichte nach Deutschland brachte. 1933 trat er der NSDAP bei, zwei Jahre später übersiedelte er aus Tirol endgültig nach München, wo sein enger Freund Bauer bis 1938 ranghöchster nationalsozialistischer Sportfunktionär war. Dadurch wurde Aufschnaiter 1936 erster Geschäftsführer der von Bauer gegründeten Deutschen Himalaya-Stiftung. 1939 organisierte Aufschnaiter eine Expedition zum noch weitgehend unbestiegenen Nanga Parbat und zum Rakaposhi, der auch Heinrich Harrer angehörte. Bei der Suche nach einem neuen Weg zum Gipfel des Nanga Parbats fand man eine Variante über die Diamirwand, die in der Folge nach ihm benannte „Aufschnaiter-Rippe“. Während seines Aufenthalts in Indien brach der 2. Weltkrieg aus, woraufhin alle Deutschen, darunter auch Aufschnaiter und Harrer, von den Briten interniert wurden. Aufschnaiter verbrachte vier Jahre und acht Monate im nordindischen Gefangenenlager Dehradun, wo er die tibetische Sprache und Kultur studierte. Nachdem 1943 ein Fluchtversuch misslungen war, gelang ihm 1944 gemeinsam mit Harrer und einigen anderen Gefangenen der Ausbruch. Noch während der Flucht erfuhr Aufschnaiter von der Niederlage der Nationalsozialisten und dem Selbstmord →Adolf Hitlers, worüber er sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen betrübt zeigte. Im Jänner 1946 erreichten Aufschnaiter und Harrer Lhasa. Aufgrund seiner landwirtschaftlichen Ausbildung erhielt Aufschnaiter Aufträge von der tibetischen Regierung und avancierte zu einem hohen Beamten im 5. Rang. Er sorgte für die Verbesserung des Saatguts, und unter seiner Leitung wurden mehrere Bewässerungsgräben gebaut, wobei er auch größere archäologische Funde machte. Weiters wirkte er an der Planung eines Elektrizitätswerks mit. Ende 1950 verließen Aufschnaiter und Harrer Lhasa, woraufhin Aufschnaiter noch bis Anfang 1952 in Süd-Tibet blieb. In dieser Zeit stieg er allein bis zum Lager 1 der nördlichen Route des Mount Everests auf. Nach dem Ende der Theokratie in Tibet floh Aufschnaiter nach Nepal. Dort zeichnete er kartografische Skizzen, v. a. über den Grenzverlauf Nepals zu China. 1952 war er für sechs Monate Angestellter des nepalesischen Außenministeriums. Anschließend übersiedelte er nach Indien, wo er vier Jahre lang für die kartografische Abteilung der indischen Armee arbeitete und in seinen Urlaubswochen Expeditionen auf den indischen Himalaya unternahm. Ab 1956 bis zu seiner Pensionierung 1965 war er für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen in Kathmandu tätig. Erst 1958 reiste er erstmals wieder nach Österreich und besuchte fortan regelmäßig Tirol und München. Um für seine Mitarbeit an zahlreichen kartografischen oder kulturwissenschaftlichen Projekten, u. a. an dem Nepal-Kartenwerk der Arbeitsgemeinschaft für vergleichende Hochgebirgsforschung, größere Reisefreiheit innerhalb Nepals zu gewinnen, suchte er 1967 um die nepalesische Staatsbürgerschaft an. In Nepal erforschte er bis dahin kaum bekannte Gebiete und entdeckte etwa in Mustang Höhlen mit Fresken aus der frühbuddhistischen Zeit. 1970 beantragte er erneut die österreichische Staatsbürgerschaft, die er 1972 erhielt. Obwohl Aufschnaiter weniger bekannt war als Harrer, gilt er als der Kopf und die treibende Kraft des gemeinsamen Abenteuers. Aufschnaiter war nicht nur ein hervorragender Kenner Tibets, sondern sprach auch fließend Tibetisch, was die Reise überhaupt erst ermöglichte. Dabei dokumentierte er überaus genau seine Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen und konnte seine Aufzeichnungen sowie Foto- und Filmmaterial auch über seine Flucht hinaus retten. Die Reise nach Tibet wurde durch Harrers erstmals 1952 erschienenes Buch „Sieben Jahre in Tibet“ (verfilmt 1956 und 1997) bekannt. Es führte allerdings zu groben Zerwürfnissen zwischen den Forschern, denn Aufschnaiter fühlte sich vom Erfolg ausgeschlossen, zumal es eine Abmachung zwischen den beiden gegeben hatte, kein Buch im Alleingang zu veröffentlichen. Zu Aufschnaiters wichtigsten Verdiensten zählt die Kartografierung Süd-Tibets. Außerdem stellte er archäologische Funde in Lhasa sicher, erstellte gemeinsam mit Harrer den ersten maßstabgetreuen Plan der Stadt als Grundlage für die geplante Stromversorgung und erforschte das Sozialverhalten der Tibeter. Von ihm stammt auch die erste topografische Aufnahme des Achttausenders Shishapangma. Aufschnaiter hinterließ einen umfangreichen wissenschaftlichen Nachlass in Form von Tagebüchern, Schriften, visuellen Materialien und Sammlungsobjekten, der sich im Völkerkundemuseum der Universität Zürich befindet. 1921 wurde er Mitglied des Akademischen Alpenvereins München, 1952 erhielt er den Nepalesischen Orden Lion of the Season.

L.: Kitzbüheler Anzeiger, 27. 10. 1973 (mit Bild); Peter Aufschnaiter. Sein Leben in Tibet, ed. M. Brauen, 1983 (mit Bild); G. Pfaundler-Spat, Tirol-Lexikon, 2005; J. Hochsteger, Biographische Studie zu österreichischen Sportidolen von 1933–1945, naturwiss. DA Wien, 2014, S. 87ff.; W. Sieberer, Der lange Weg nach Lhasa. Heinrich Harrers und Peter Aufschnaiters Flucht aus dem Gefangenenlanger in Dera Dun (Indien) über den Himalaya, in: Alltag – Albtraum – Abenteuer. Gebirgsüberschreitung und Gipfelsturm in der Geschichte, ed. M. Kasper u. a., 2015, S. 332ff.; N. Mailänder – O. Kompatscher, Er ging voraus nach Lhasa. Peter Aufschnaiter. Die Biographie, 2019 (mit Bild); Ch. Jahoda, Peter Aufschnaiter (1899–1973). A Fresh Biographical Sketch. With Extracts from His Unpublished Diaries, Manuscripts, Papers, and Letters, in: A Life in Tibetan Studies, ed. Ch. Cüppers u. a., 2023; Pfarre Kitzbühel, Tirol; Stadtarchiv Kitzbühel / Personenakte Peter Aufschnaiter; Mitteilung Claudia Aufschnaiter, Wien.
(Georg Vavra)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)